An die „Gewinner“ der Arbeitslüge (Teil 3)

Karriere. Ein Unwort unter vielen und zugleich die Lieblingsgeschichte der Massen. Du machst also Karriere? „Gut für dich“ möchte man sogleich reflexartig entgegnen.

Nehmen wir uns trotzdem einen Moment Zeit, um zu überlegen, was das für Identitätskonstruktion und Lebensauffassung konkret bedeuten mag: Hinter dem Karrierebegriff steht das Bedürfnis, unsere Lebensgeschichte als Erfolgsstory und nicht etwa als eine Geschichte persönlichen Scheiterns oder als Warten auf den Tod erzählen zu wollen. Solche Erzählungen gibt es zwar auch, aber höchst selten unter den „Gewinnern der Arbeitslüge“, die ja schließlich Gewinner sind.

Menschen brauchen Narrative. Man schreibt sozusagen die Geschichte seines Lebens (Betonung auf „Geschichte“, nicht auf „Leben“) und man will diese Lebens-Geschichte auf eine ganz gewisse Art und Weise verstanden wissen. Und wie ließe sich in einer Gesellschaft, wo Identität und Arbeitslüge praktisch zusammenfallen, sonst auch das Motiv „Erfolg“ vermitteln und so der Geschichte beifügen als mit Hilfe des Karriere-Motivs? Durch das Zeugen und Aufziehen von Nachwuchs etwa? Durch Weltabkehr und Selbstkultivierung? Durch soziales oder politisches Engagement? Dass ich nicht lache! Karriere muss her! Was auch immer das überhaupt sein mag.

Was passiert denn tatsächlich in diesem magischen Lebensabschnitt, den manche angeblich bloß verleben, während andere wiederum es schaffen, diesen zum Ehrfurcht gebietenden Konstrukt „Karriere“ auszubauen? Die Arbeitslüge passiert! Sie wird einen bewerten, aussortieren, durchkauen und nach einem kurzen, simulierten Höhenflug ausspucken wie jeden anderen davor – ausgebrannt, sinnentleert, leidlich vermögend günstigenfalls und der besten Jahre beraubt.

Karriere ist ein Erzählmuster, von dem viele glauben, sie müssten es in ihr Lebensnarrativ einarbeiten. Erzählungen sind konstruiert. Das weiß jeder. Wer wäre naiv genug, einen theme park ride für ein authentisches und einzigartiges Erlebnis zu halten? Wer wäre naiv genug, das Durchlaufen einer Reihe vorgefertigter und hochgradig konstruierter achievements für authentische und einzigartige, persönliche Erfolgsleistungen zu halten?

„Aber Menschen sind doch verschieden“ höre ich Sie sagen, „Karrieren sind doch verschieden“, höre ich Sie sagen. Einen Stoff kann man mit unterschiedlichen Akzenten, mit unterschiedlichen Färbungen erzählen. Darum klingen die Geschichten dann auch sehr unterschiedlich, obwohl der Stoff der Geschichte und der Grad an Konstruiertheit für uns Erste-Welt-Bürger, die Maden im Speck, der gleiche ist.

„Wo ist denn der Punkt“ frage ich die Damen und Herren Gewinner der Arbeitslüge, „wo Ausbildung, Praktika und das so genannte Arbeitsleben plötzlich Erzählcharakter annehmen und so das Narrativ einer ‚geglückten‘ und ‚erfolgreichen‘ Lebensführung begründen würden?“ Im Sinne von „Sein/Ihr Leben war kein ödes Fließbandprodukt und hochgradig berechenbar, sondern vielmehr ein magnus opus, eine Karriere!“ Wo ließe sich diese Transformation vom Menschen hin zum Karriere-Menschen, vom Charakter zum Karriere-Charakter in dieser Erzählung verorten?

Die enttäuschende Antwort für das Sinn suchende Individuum, das nur zu gerne den Karrierebegriff zur Selbstdarstellung im Sinne eines Selbst-Narrativs gebraucht hätte, muss lauten: „Nirgends. Das passiert nur in der kollektiven Wahrnehmung.“

Karriere ist somit erzähltechnisch gesehen die einzige Möglichkeit, ein unter dem Joch der Lohnarbeit freudig und motiviert verschwendetes Leben als sinnvoll und erfüllt darzustellen. Karriere ist eine Erzählung. Ist es eine gute Erzählung? Eher nicht. Zu berechenbar und viel zu abgedroschen. Ein CV ist nun einmal kein Heldenepos. Darüber sollten wir uns im Klaren sein:

Eine Lebens-Geschichte, die sich durch eine „Karriere“ auszeichnet, ist nicht wert, erzählt zu werden.

An die „Gewinner“ der Arbeitslüge, Teil 1
An die „Gewinner“ der Arbeitslüge, Teil 2

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