Bericht aus dem Ministerium für Denunziation und Demagogie: Chancengleichheit – ein Arbeitsmärchen

Leistung. Ein Unwort unter vielen. Als Ideologie wird sie nicht nur von uns, dem Verein F.A.u.L., sondern auch im akademischen Betrieb hinterfragt.

Michael Hartmann [war Professor für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt mit Arbeitsschwerpunkt Elitenforschung u.a.] referierte am 09.12.2015 im NIG im Rahmen der Vortragsreihe „Mythos Leistung?“. Das Thema: „Leistung, Elite und Chancengleichheit in der Schule“.

Hartmann betonte in seinem Vortrag die (ideologisch) legitimierende Funktion des Begriffs. Zusätzlich wies er im Zuge seiner Ausführungen darauf hin, dass Leistung  in unserer Gesellschaft nicht der Ausschlag gebende Faktor für sozialen Aufstieg und berufliche Karriere sei, sondern, dass dabei Selektion nach sozialer Herkunft im Bereich Schulbildung entscheidende Bedeutung zukomme. Ein Auswahlprozess nach dem „Prinzip der sozialen Ähnlichkeit“ sei, laut dem Soziologen, die Folge: Die Elite rekrutiert bevorzugt aus den eigenen Reihen.

Für Hartmann ist der Leistungsbegriff somit ein Mittel zum sozialen Aufstieg und gleichzeitig Bemessungsgrundlage sozialer Ungleichheiten: Anhand dieses Begriffs kann er zeigen, wie wenig durchlässig unsere (arbeitsnormative) Gesellschaft wirklich ist. Pointiert meinte er dazu an einer Stelle: „Man sollte die Schuld nicht bei sich suchen, wenn man etwas nicht schafft.“ Das heißt einerseits, dass Arbeit seiner Meinung nach zwar die Chancen auf sozialen Aufstieg erhöht, diesen aber keineswegs gewährleistet und andererseits, dass „Elite sein“ [als soziale Praxis] kaum erlernbar ist. „Frühe Weichenstellungen in der Bildung“, also zB: die Entscheidung, ob ein Kind aufs Gymnasium oder in die Hauptschule geschickt wird, verstärken die „soziale Selektivität“.

Fazit: Chancengleichheit ist (nach wie vor) ein theoretisches Konstrukt und Leute aus bildungsfernen Schichten müssen im arbeitsnormativen System von Kindesbeinen an mehr Arbeitsaufwand (Leistung) erbringen um gleich weit oder gar weiter zu kommen als Privilegierte.

„Thumbs up“ vom Verein F.A.u.L. für die Thesen von Prof. Hartmann (rechts) über die Arbeitslüge

Inwieweit ist das bedeutsam für den ideologischen Guerillakrieg wider die Arbeitslüge?

Der Leistungsbegriff ist aus dem Wortfeld „Arbeit“ nicht wegzudenken. Oftmals werden die Begriffe sogar synonym gebraucht. Beide haben, wie gesagt, legitimierende Funktion (im arbeitsnormativen Weltbild), beide sind (ob zurecht oder nicht) der meist akzeptierte Maßstab zur Beurteilung von Individuen und Gesellschaften. Schon deshalb ist die kritische Revision des „Mythos Leistung“ im mainstream-Wissenschaftsbetrieb aus unserer Sicht auch kritische Revision des „Mythos Arbeit“ (Arbeitslüge) und damit hochgradig begrüßenswert.

Michael Hartmanns Vortrag hat über das Aufzeigen (sozialer) Hürden beim sich „nach oben“ arbeiten in eindrucksvoller Weise veranschaulicht, dass selbst, wer an die Arbeitslüge glaubt, berechtigte Zweifel daran haben sollte, dass ihre Wert- und Zielvorgaben für jeden gleichermaßen umsetzbar sind.

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