Betrachtungen eines Demagogen: Gespräch mit Michael Hartmann

Als ich neulich in Begleitung einiger handverlesener Alphagammler zum Vortrag des deutschen Soziologen beordert wurde, ging es mir zunächst darum, auszuloten, ob bzw. inwieweit das Thema der Vortragsreihe „Mythos Leistung?“  (Das Fragezeichen ist meiner Meinung nach unnötig) in einem arbeitsnormativen environment wie dem mainstream-Wissenschaftsbetrieb überhaupt abgehandelt werden kann.

Ich muss gestehen, anfänglich skeptisch gewesen zu sein, aber dass gleich der erste Wissenschaftler, mit dem ich mich über das Konzept Arbeitslüge unterhalten habe, meint, sozialer Aufstieg durch Leistung sei de facto ein Arbeitsmärchen, hat mich zuversichtlicher gestimmt.

Herr Hartmann und ich hatten an diesem Abend Gelegenheit, uns auszutauschen. Die Sondierungsgespräche ergaben gewisse inhaltliche Differenzen, auf die ich hier eingehen möchte.

Zu seiner Verwendung des Leistungsbegriffs merkte ich nachher beim Wirten noch an, dass dem arbeitsnormativen Weltbild verhaftete Beobachter hier oftmals einem weit verbreiteten Vorurteil unterliegen, nämlich dass alle, die vorgeben, Leistung zu erbringen, dies auch tun. Arbeit (Leistung) bzw. langfristig „Karriere“ (die er fast gänzlich als „Leistung“ aufzufassen scheint, freilich ohne ihm unterstellen zu wollen, er würde die Begriffe synonym gebrauchen) ist ja immer auch Performanzleistung, also das „Aufführen“ oder Simulieren von Arbeit und keinesfalls zur Gänze Leistung im eigentlichen Sinn: Eine Stunde mit dem Telefon am Klo zu sitzen, überlange Rauchpausen zu halten, Gespräche mit Kollegen zu führen und den Rest der Zeit den Online-Standard zu lesen (Gewinner der Arbeitslüge wissen, wovon ich rede) mögen wie Arbeit (Leistung) wirken, sind aber nicht gleich Leistung, eher „verdeckte Nichtarbeit“, „Scheinleistung“, wenn man so will.

Ich hatte offen gestanden nicht den Eindruck, dass Gammeln als menschliche Verhaltenskategorie bei Hartmanns Auffassung des Begriffs „Leistung“ genügend berücksichtigt wurde.

Schon während des Vortrags hat mich befremdet, wie sehr der Soziologe dem arbeitsnormativen Weltbild verhaftet bleibt, wenn er über die Lebensauffassungen und Lebenskonzepte von Menschen nachdenkt und urteilt.

Hätte ich ihn nicht gleich im Anschluss darauf angesprochen, dass können nicht unbedingt müssen bzw. wollen heißt, es wäre wohl unerwähnt geblieben.

Hier zur Verdeutlichung der kurze Abtausch im genauen Wortlaut:

Brązowy: Herr Hartmann, Sie arbeiten viel mit dem Erfolgsbegriff. Gehen Sie bei Ihren Überlegungen davon aus, dass alle, die nach schulischem oder beruflichem Erfolg streben können, das auch tun?
Hartmann: Ja, meiner Meinung nach ist das meistens der Fall. Der Vorbildcharakter der Eltern und der Wunsch nach sozialem Aufstieg spielen hier für die meisten eine große Rolle. Wer da nicht mitmacht, ist eine kleine Minderheit.

Gammler, Arbeitsverweigerer und Leute, die sich nichts aus „Karriere“ oder wie er es nennt, aus „sozialem Aufstieg“ machen, sollen also eine kleine Minderheit darstellen? Wohl kaum, wenn man die Dunkelziffer berücksichtigt.

Dazu eine Bemerkung am Rande: Das Problem mit der „verdeckten Nichtarbeit“, der „Scheinleistung“ im Diskurs Arbeitslüge hat ja auch oftmals mit sozialer Selektion zu tun, der Hartmann so große Bedeutung im „sozialen Aufstieg“-Narrativ zugesteht.

Jene, die in der Lage sind, sie auszuüben, posaunen dies natürlich nicht hinaus und schweigen aus Furcht vor dem Verlust ihrer Privilegien darüber, anstatt offen für ihr Recht auf Nicht- (oder moderater: Kaum-)Arbeit einzutreten. Ein Missstand, den wir vom Verein F.A.u.L. nicht zuletzt deshalb kritisieren, weil nur die offene Forderung nach einem solchen Recht all jenen, die gezwungen sind, zu arbeiten um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten (auch denen mit Drecksjobs) hilft. Alphagammler treten gerade deshalb offen für dieses Recht ein. Das ist eine wichtige Form von sozialem Engagement.

Soziale Hürden (durch Leistung) zu überwinden ist kaum/schwer möglich

Das hat Herr Hartmann selbst ausführlich beschrieben. Dass Arbeit die Chance auf sozialen Aufstieg nur geringfügig verbessert, diesen jedoch keinesfalls garantiert, hat er auch gesagt. Und da sollen die, die denken „Wozu das Theater?“ oder „Scheiß drauf“ eine „kleine Minderheit“ sein? Ich habe diesbezüglich so meine Zweifel.

Soviel zu den inhaltlichen Differenzen. Als Privatmann hat Michael Hartmann, dass will ich an dieser Stelle anmerken, einen sehr sympathischen Eindruck auf mich gemacht: Mit großer Leichtigkeit, bei Tisch quasi über den Schweinsbraten hinweg den Standpunkt eines unbekannten Gegenübers mit (noch nicht) massentauglichen Ansichten, die auf ihn etwas extrem, wenn nicht sogar radikal gewirkt haben müssen, so mir nichts dir nichts nachzuvollziehen und sich diesbezüglich bereitwillig auf ein Gespräch einzulassen, ist nicht bloß ein Ausdruck großer Intelligenz sondern beweist auch Toleranz und Aufgeschlossenheit.

Besonders imponiert hat mir die Fähigkeit, den eigenen Werdegang im Sinne unserer arbeitskritischen Ausgangsposition zu hinterfragen.

Zum Karriere-Narrativ meinte er an einer Stelle: „Je weiter ich im Beruf gekommen bin, umso mehr haben die Tätigkeiten, die ich nicht gern gemacht habe, zugenommen. Bestimmte Privilegien gingen damit natürlich auch einher, aber das wissenschaftliche Schreiben, was ich immer gern gemacht habe, nahm ab. Stattdessen Prüfungskommissionen, Administratives… das war eine Scheißarbeit.“

So spricht ein Mann, der sehr wohl das Zeug zum Alphagammler gehabt hätte! Sollte er durch einen kosmischen Zufall tatsächlich zu den ganz wenigen zählen, für die Hobby und berufliche Tätigkeit, Beruf und Berufung größtenteils zusammenfallen? Warum sonst sollte man sich als Pensionist mit Ruhesalär eine 35-Stunden-Woche antun? Falls das so ist, freut es mich für ihn. Viele haben das nicht.

Wir haben Herrn Hartmann übrigens unsere Gretchenfrage gestellt („Bin ich willens, meiner Tätigkeit auch weiterhin nachzugehen, wenn ich dafür nicht mehr entlohnt werde?“) Seine Antwort lautete erwartungsgemäß „Ja.“ Der Mann mag seine Tätigkeit.

Resümee

Ob ich ihn davon überzeugen konnte, dass obezahn eine relevante, statistische Größe im Umgang mit dem Begriff „Leistung“ darstellt bzw. dass das statistische Sichtbarmachen von „Scheinleistung“ im Diskurs Arbeit im Grunde das Gleiche belegen würde wie seine Untersuchungen zur Schulbildung, nämlich soziale Selektion? Zweifellos.

Zusätzlich ist die persönliche und inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Soziologen Michael Hartmann ein wichtiger erster Schritt zur Nutzbarmachung von Erkenntnissen aus dem mainstream-Wissenschaftsbetrieb für unsere Öffentlichkeitsarbeit (und vice versa) gerade weil dieser vorerst dem arbeitsnormativen Weltbild verpflichtet bleibt. Zuversicht ist angebracht: Wären alle, die sich jenem Weltbild verpflichtet fühlen, so klug wie dieser Mann, hätten wir den ideologischen Guerillakrieg wider die Arbeitslüge längst gewonnen.

 

Links:
Uni Wien: Mythos Leistung
Wikipedia Eintrag zu Michael Hartmann

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