Brauchtum, Pflicht und Ahnen

Âventiuren wider die Arbeit - Teil 7

Die Hölle könnt ein Weinberg sein
besudelt nicht von Kot und Trauben
sondern, schlimmer noch, von Blut
und Schweiß und Tränen.

Was ich dort sah, was man dort sprach
ich will’s euch nicht verschweigen
war so herzzerreißend, dass
so mancher der es hört und liest
darob ewig klagen muss.

Niemals sah ich schöne Maiden schneller
laufen als an jenem Tag
niemals hört ich jemand
sie an den Haaren fassend lauter
schnaufen als den Schelling
obwohl sein Pferd
beim Jagen und beim Küren
die meiste Arbeit tat.

Da ritt ich näher zu ihm hin
„Ich grüß‘ euch, Herre“ sprach ich artig
ritterlich und wie man soll.
Gar nicht artig grüßte er mich wider
indem er laut „Wer seid ihr?“ brüllend
auf mich zugeritten kam.

„Ich bin ein teutscher Ritter“ rief ich
„und heiße Siegfried Rosenkranz,
ich such in euren Landen
ein Mittel, das die Arbeit bannt.“

Darauf sprach er:

„Wenn Ihr für Euch ein Mittel sucht,
ein Mittel, das die Arbeit bannt,
beschafft euch viele Knechte
und sorgt dafür, dass jene
eure Scholle, euer Land
mit ihrem Blut und ihrem Schweiß
und ihren Tränen tränken
und sagt gar oft, der Herrgott will’s.“

„Was Ihr beschreibt ist nicht
das Mittel, das ich suche
wo tausend Knechte darben
nur damit Ihr feist und streng über sie gebietet
ist die Arbeit nur für Euch gebannt
nicht aber“ sprach ich, auf den Weinberg deutend
„für euer Volk, für euer Vieh, für jene armen Teufel.“

„Sie haben Anrecht auf Arbeit“
rief darauf zornig der Baron
„und ich auf sie, so ist es Brauch,
denn Leistung muss sich lohnen
ihr seht an mir – sie tut es auch!
Im Rauschen meiner Wälder
in meiner Berge Glanz
im Wogen meiner Felder
gehören sie mir ganz.
Denn Herr ist Herr
und Knecht ist Knecht
so ist’s würdig, so ist’s recht!“

In grimmer Wut
plötzlich entbrannt
ritt ich ohne Zaudern
auf den Schelling zu
und senkte leicht den Ger dabei.
Schon rief er zitternd
halb zur Flucht gewandt
nach den Wächtern, nach den Knechten,
nach den Mägden, die er vorhin noch
küren wollt‘ nach altem Brauch,
doch waren alle, die er rief
vom Schuften derart müde,
dass ihm niemand flink
zur Hilfe eilen konnte oder wollte.

Spöttisch rief ich ihm noch nach:
„Ihr seid die Arbeitslüge selbst
und euer Weinberg ist die Hölle
wärt ihr nicht alt, wärt ihr nicht feig
gebührend würd ich euch bestrafen!“

„Was brauch ich Mut, was brauch ich Kraft
ich habe viele Knechte,
zieht weiter, Ritter Rosenkranz
sucht euer Mittel anderswo
wir brauchen keine Helden
in diesen meinen Landen“ rief
keck geworden der Baron,
„bloß Brauchtum, Pflicht und Ahnen!“

Da erklang ein tiefes Grollen
der Weinberg schien zu beben
Mägde, Knechte, der Baron
die warn vor lauter Staub
vor lauter Lärm kaum mehr
zu hören und zu sehen.
Wutschnaubend kam ein wilder Stier
auf uns zu gelaufen,
der kam, wähnt ich, um seinem Herrn
ein Leben unterm Joch,
den Frondienst abzugelten.

Die Hörner fanden den Baron
ich hörte ihn im Tode noch
den unanständigen Verstoß
gegen alten Brauch
erbärmlich zeternd schelten:

„Ei wie kommt’s wie geht es an,
dass einer meiner Ochsen
vom Joch befreit
zum Stier geworden
vor mich tritt um mich
mit Hörnern zu ermorden?
Das ist die rechte Ordnung nicht!
Ich wünschte jener hätt
wie alle seine Ahnen
sein Leben unterm Joch
Pflüge ziehend ausgehaucht.“

Ich bin nicht sicher,
ob der Schelling noch meine Antwort hörte
und hoffe doch, dass es so war, dass ihn
im Sterben noch verstörte
was ich da sprach:

„Herr Baron, wer hätt’s gedacht
das konnte niemand ahnen,
dass dem Ochsen über Nacht
kaum, dass er vom Joch befreit
Mut und Stärke, ja sogar
ein riesiges Gemächt
wieder wachsen würde?
Wo die Arbeit Freiheit hemmt
schafft Schreckensherrschaft oft
solche wilden Stiere.
Eben darum suche ich
ein Mittel, das die Arbeit nicht
für einen, sondern für uns alle bannt!“

Dann ritt ich unbekümmert fort.

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