Das Parlament als Wiege der Theokratie

Die Anpreisung der Nichtarbeit durch die Nationalratspräsidentin

Foto: © Parlamentsdirektion / Peter Korrak

 

„Eine Rednerin spricht und niemand hört zu. Der Saal ist halb leer. Wer da ist, liest in der Zeitung.“ So prahlt Nationalratspräsidentin Doris Bures von der mangelnden Arbeitsmoral der Abgeordneten in ihrem Pamphlet „Die volle Wahrheit zum leeren Saal“. Gleich am Anfang heißt es darin „Am faulsten sind die Parlamente, die am stärksten besetzt sind.“

Zur Veranschaulichung wird gleich auf den Seiten 4 und 5 des Dokuments eine Vorher/Nachher-Fotostrecke gezeigt, die beweisen soll, dass die vereinte Faulheit der Abgeordneten zum Nationalrat dermaßen ansteckend wäre, dass sogar unbedarfte Minderjährige das Herumlungern im Laufe eines einzigen Plenums spielend erlernen können.

(Ich möchte hier einwerfen, dass Herumlungern bei weitem nicht so einfach ist wie von der Nationalratspräsidentin dargestellt. Es ist richtig, dass die Herumlunger-Haltung im „Nachher“-Bild deutlich geübter ist, aber selbst eine aufmerksame Beobachtung der Techniken der großen Meister ersetzt keinen Herumlunger-Kurs!)

Alles scheint also eitel Wonne zu sein. Das Parlament als mystischer Ort der massiven Arbeitsverweigerung, wird es doch von Frau Bures als marmorner Tempel der Nichtarbeit gepriesen.

Schön wärs! Denn was muss ich weiters im Propagandablatt des Parlaments lesen? Ist da doch die Rede von „massiven Fehlverhalten von Mandataren“ (gemeint ist offenbar die Arbeit zu Nebenerwerbszwecken) und „geistlosen Zwischenrufen“, ohne die eine Parlamentsdebatte „Gefahr läuft, langweilig zu werden“.

Und tatsächlich ergab eine umfangreiche Recherche*, dass viele Abgeordnete in den heiligen Hallen der Nichtarbeit zwar ihrer Arbeit als Parlamentarier nicht nachkommen, aber während des Plenums oft ihrem eigentlichen Beruf nachgehen, beispielsweise der Juristerei, die zum Großteil so langweilig ist, dass man sie nur als Arbeit, niemals aber als Berufung bezeichnen kann. Der Herrgott möge sie zu den Qualen des Sisyphos verdammen, auf dass ihnen die Arbeit vergeht!

Wer freiwillig und ohne Not im Sold von Firmen des Arbeitskraken wie etwa Raiffeisen steht, der hat seine Seele dem Teufel der Arbeit verkauft und da ist es kein Wunder, dass ein solcher keine Scheu hat, für seinen wahren Herrn das Parlament durch Arbeit zu schänden.

Ich möchte aber in meinem gerechten Zorn nicht alle schlechtreden. Frau Bures als unsere Verbündete im Kampf gegen die Arbeit und Verfasser des offiziellen Pro-Nichtarbeitsschreibens „Die volle Wahrheit zum leeren Saal“ hat durchaus Recht: Es gibt viele Abgeordnete, die nicht nur so tun, als ob sie nicht arbeiten und weder für Konzerne noch für den Staat werken. Viele sind auch tatsächlich bereit, Tag und Nacht nicht zu arbeiten und müssen von uns gewürdigt und vielleicht sogar mit einer Ehrenmitgliedschaft bedacht werden. Können wir zahlenmäßig erfassen, wie viele der Abgeordneten ihr Leben stolz der Nichtarbeit verschrieben haben? Welche Partei hat die gottgefälligsten Vertreter? Und gibt es eine Möglichkeit, die Theokratie der Faulheit mit dem österreichischen Parlamentarismus zu kombinieren? Dies wird bald geklärt in der Predigten-Reihe „Von den Meistern lernen“.

Preiset den Herrn!

Madras Bez
Prediger der Nichtarbeit, lupenreiner Theokrat

 

*Mein ergebenster Dank geht hier an die Seele des Vereins, Frau Messerschmidt, sollte sie eines Tages von den Schergen der Arbeit beim Gebet erdolcht werden, müssten wir die Redaktionstätigkeit einstellen!

Quelle: http://www.parlament.gv.at/ZUSD/DLFolder/VolleWahrheit_zum_leeren_Saal.pdf

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