Das Reisigkäthchen und der Zeitkäfer

Eine Heiligengeschichte

Es war einmal ein Mädchen namens Käthchen, das lebte mit seinen zwei Schwestern in einer Hütte im Wald. Die Schwestern hießen Irmtrut und Gertrut. Ihre Eltern waren früh gestorben und hatten ihnen außer der Hütte nur Armut hinterlassen. Ihre Armut war so groß, dass sie gewohnt waren, von frühester Kindheit an tagein, tagaus arbeiten zu müssen, denn Armut ist hart und macht viel Arbeit. Irmtrut, die Älteste der drei, half bei einem Bürgerpaar in der nächstgelegenen Stadt im Haushalt.

Sie hatte eine Begabung für die Haushaltsarbeit und fand es darum ganz erträglich.

Gertrut, die gut nähen und sticken konnte, verkaufte Rüschen, Spitzen, Stickereien und dergleichen an Leute in der Umgebung. die schätzten ihre Nähwaren sehr und fanden, dass ihre Polsterbezüge und Kleider damit viel schöner aussahen. Gertrut bereitete das Nähen und der Verkauf ihrer Waren Freude, weil sie dadurch Gelegenheit hatte, unter die Leute zu gehen und es mochte, wenn die dann ihre schönen Handarbeiten lobten.

Das Mädchen namens Käthchen hatte von frühester Kindheit an eine ganz besondere Begabung fürs Reisigsammeln gezeigt. Gleich von Anfang an war sie sehr gut darin und es machte ihr großen Spaß.

„Du warst kaum eine Stunde im Wald und schon kommst du über und über mit Reisig beladen zurück. Wie machst du das nur?“ hatte Irmtrut sie schon beim ersten Mal, dass sie um Reisig geschickt worden war, gefragt. Das Käthchen konnte oder wollte es nicht erklären.

Damals hatte das Käthchen auch zum ersten Mal den Käfer getroffen. Die Suche nach Reisig hatte sie an jenem Tag tiefer und tiefer in den Wald vordringen lassen, wo sie auf eine riesige, abstoßende, käferartige Kreatur gestoßen war – ein Monstrum mit schrecklich leuchtenden, roten Augen und scharf gezackten, unablässig zuckenden, sensenartigen Mundwerkzeugen.

Das Käfermonster hatte Zeit seiner Existenz noch jedem Menschen Furcht eingejagt.

Umso überraschter war es, als das Käthchen im Vorbeigehen mit prüfenden Blicken den Waldboden fasziniert nach Reisig absuchend den Käfer höflich grüßte. Sie lief nicht etwa schreiend davon oder war vor Furcht gelähmt, sie schrie auch nicht um Hilfe sondern sagte höflich „Guten Tag“.

Das war nie zuvor geschehen und machte deshalb natürlich gewaltig Eindruck auf den Käfer, mehr noch, er fiel aus allen Wolken und wusste kaum, wie ihm geschah. Der Käfer tat das Naheliegendste und sagte „Guten Tag“ zum Käthchen.

Von diesem Tag an wurden das Käthchen und der Käfer, vor dem jeder Angst hat, Freunde. Immer wenn sie zum Reisigsammeln in den Wald ging, plauderten die beiden ein Weilchen und lernten einander schätzen und kennen. Den Schwestern erzählte sie nicht von ihm, denn ein starker Zauber, der auf dem Käfermonster liegt, verhindert, dass man frei über ihn sprechen kann, obwohl alle Menschen ihn fürchten. Wahrscheinlich war es gerade deshalb, weil ihn niemand sonst kannte, für den Käfer so schön, in Käthchen eine Freundin gefunden zu haben.

Der Käfer war kein gewöhnlicher Käfer, sondern er war gewissermassen die Angst vor der Arbeit. Er war das mulmige Gefühl im Bauch, das man am Sonntag abend hat, wenn man am Montag in die Arbeit muss. Er nährte sich von der Zeit, die jeder damit verbringt, sich vor der Arbeit zu fürchten. Verlorene Zeit war seit jeher seine Nahrung gewesen und so hieß er nur „der Zeitkäfer“. In seinem Bauch verbrachten die Menschen Stunde um Stunde mit nutzlosem Schmachten und konnten doch nichts dagegen tun, weil es die Arbeit nun einmal gibt. War er deswegen böse? Nein, denn er tat es nicht gern, aber die Angst vor der Arbeit war nun einmal seine Nahrung und Käthchen hatte keine, denn sie tat außer Reisig sammeln nichts weiter und das Reisigsammeln bereitete ihr große Freude, weshalb sie es nicht als Arbeit empfand. Dadurch musste er ihre Zeit nicht fressen und sie musste ihn nicht fürchten.  

Woid

Käthchen wurde bald von allen, die es kannten wegen ihres Gespürs und ihrer Begeisterung für Reisig nur noch das Reisigkäthchen genannt. Die Schwestern schätzten ihre Begabung sehr, denn so gab es in der Hütte, sogar wenn es an allem anderen, was man zum Leben braucht, mangelte, ein freundliches Feuer im Ofen und es war warm und gemütlich. Wenn sie mehr Reisig hatten als sie für sich brauchten – und das war dank dem Reisigkäthchen oft der Fall, konnte Gertrut die Reisigüberschüsse auf ihren Wegen ins Dorf zum Markt tragen um sie dort zu verkaufen, was den Schwestern ein dringend benötigtes Zubrot verschaffte.

Allmählich zogen die Jahre ins Land und aus den Mädchen wurden Frauen, die nach wie vor viel arbeiten mussten. Das Käthchen sah es freilich nicht so, denn Reisigsammeln machte ihr immer noch große Freude, auch wenn es für andere aussah wie eine harte Arbeit. Außerdem traf sie, wenn sie in den Wald ging zum Reisigsammeln nach wie vor ihren Freund, den Käfer, vor dem jeder Angst hatte außer sie und den sie inzwischen sehr lieb gewonnen hatte – ebenso lieb wie die Schwestern.

Viele, die es gut mit ihnen meinten, kamen zu der Zeit auf die Idee, sie sollten sich doch jede einen Mann suchen, mit dem einen Haushalt und eine Familie gründen und sich so die gröbste Arbeit, die sie zu verrichten hatten um zu überleben, zu erleichtern.

„Durchs Heiraten hat sich schon manche Frau viel erspart“ sagte eines Tages die Bürgerfrau, mittlerweile eine Geheimratswitwe, denn ihr Mann, der Geheimrat gewesen war, war inzwischen gestorben, zu Irmtrut, die ihr nach wie vor den Haushalt zu führen pflegte.

„Für mich hat es gut geklappt und ich musste dadurch die meiste Zeit meines Lebens recht wenig arbeiten und mich um viel weniger kümmern weil ich mir damals einen guten Mann gesucht habe.“

Die Witwe meinte es gut mit der Irmtrut und begeisterte sie nach und nach von der Idee. Verheiratet sein mache ehrbar und anständig erzählte sie ihr, gestalte die Lebensumstände leichter und wenn man wie Irmtrut jung und hübsch war und noch dazu Talent fürs Häusliche besitze, ließe es sich ganz leicht bewerkstelligen.

„Wenn ich einen Schuster heirate, brauche ich kein Geld mehr für Schuhe auszugeben und die sind schließlich teuer. Fleisch ist auch teuer, aber nicht, wenn ich einen Fleischer heirate und wenn es ein Tischler wird, kann der Stühle und Tische anfertigen“ dachte die Irmtrut, die das Armsein von den drei Schwestern am schwersten ertrug. Die Witwe meinte es gut mit Irmtrut und war hocherfreut, dass die sich wünschte, eine ehrbare Frau zu werden. Sie versprach, gleich nachdem Irmtrut ihr von ihrem Entschluss, sich zu verheiraten, erzählt hatte, sich nach geeigneten Bewerbern für sie umzuhören.

Noch am selben Abend erzählte Irmtrut den Schwestern von ihrem Entschluss.

Gertrut fragte sie darauf bloß: “Muß man dazu nicht verliebt sein?“

„Das dachte ich anfangs auch, aber die Geheimratswitwe meint, das wäre gar nicht so wichtig dabei. Man braucht bloß einen guten Mann dafür und recht hübsch zu sein hat sie gesagt und dann ergibt sich der Rest ganz von selbst“ meinte Irmtrut.

„Aber du kennst ja gar keine Männer“ entgegnete ihr Gertrut.

„Daran habe ich auch gedacht und das der Witwe auch so gesagt“ gab ihr Irmtrut zur Antwort. „Aber sie hat mir versichert, das wäre kein Problem, weil ich hübsch bin und eine besondere Begabung im Haushalt habe und dass sie sich für mich nach einem Mann umhören wolle. Das Heiraten ist der einzig ehrbare Weg, um weniger arbeiten zu müssen, sagt sie und ich glaube ihr.“

„Aber musst du dann nicht mit deinem Mann leben und musst fort von uns?“ fragte Gertrut besorgt und sprach damit aus, was auch das Käthchen angstvoll gedacht hatte.

„Das muss doch jede früher oder später“ sagte Irmtrut. „Es ist schließlich der einzige Weg.“ Irmtrut blieb bei ihrem Entschluss, obwohl der Gedanke, die Schwestern zu verlassen, sie traurig stimmte.

Auch das Käthchen ergriff an jenem Abend das Wort und äußerte einen furchtbaren Verdacht: „Was, wenn das Heiraten auch eine Arbeit ist?“ fragte sie.

„Kann ich nicht einfach mehr Reisig sammeln? Es macht mir ja Freude und ich kann es gut, wäre uns damit nicht auch geholfen, sodass du bei uns bleiben kannst wie bisher?“

„Ach Käthchen“ sagte die Irmtrut. „Keine Frau kann ewig vom Reisigsammeln leben oder vom Bedienen und Kochen wie in meinem Fall. Das ist doch nicht ehrbar. Sei nicht traurig, mein Käthchen, ein bisschen kann ich ja noch bleiben. Solche Dinge dauern schließlich ihre Zeit.“

Auch mit dem Käfer im Wald sprach das Käthchen darüber: „Ich bin traurig, dass die Irmtrut weggeht, weil sie ehrbar werden und weniger arbeit haben möchte“ sagte das Käthchen.

„Weniger Arbeit durchs Heiraten?“ fragte der Käfer. Er musste dabei lachen. Es klang grässlich. Ein Schaben und Kreischen, wie wenn man mit den Nägeln eine Schultafel entlang kratzt, nur hundertmal lauter. Käthchen, die das Lachen des Käfers schon kannte, beachtete es gar nicht, sondern sprach unbeirrt weiter.

„Ja, mir kam der Gedanke auch gleich ganz seltsam vor. Auch das mit dem ehrbar werden – ehrbar, was soll das überhaupt sein, frage ich mich?“

„Ich fresse tagtäglich die Zeit von vielen verheirateten Frauen, oft noch mehr als von denen, die sich auf anderem Weg ihr leben verdingen“ gab der Zeitkäfer zu bedenken. „Auch die Witwe, die der Irmtrut das erzählt hat, hat mir so manche Stunde geopfert, das weiß ich mit Sicherheit.“

„Meine größte Angst bei der Sache ist, dass das Heiraten auch eine Arbeit sein könnte“ sagte das Käthchen nachdenklich. „Dann geht die Irmtrut ganz umsonst fort, und mit dem Verheiratetsein kann man nicht wieder aufhören.“

Dinge wie diese hatten den Zeitkäfer nie gekümmert, bevor er das Käthchen kennen gelernt hatte, denn Angst war Angst für ihn. Ob nun Heiraten eine Arbeit war oder nicht, darüber hatte er noch nie nachgedacht.

„Wenn ich nur genug Reisig sammle, muss die Irmtrut doch auch weniger arbeiten“ sagte das Käthchen. „Vielleicht hat sie dann weniger Angst vor der Arbeit und kann so bei uns bleiben.“

„Pass mir bloß auf, mein kleines Käthchen, dass  das Reisigsammeln dir nicht zur Arbeit wird“ meinte darauf besorgt der Zeitkäfer. „Sonst fürchtest du dich am Ende auch noch vor mir so wie alle anderen.“

„Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen, lieber Herr Käfer. Dafür mag ich das Reisigsammeln viel zu gern. Ich will mich nur ein wenig mehr anstrengen dabei“ meinte darauf das Käthchen.

In den Tagen und Wochen nach dem Gespräch schleppte das Käthchen Reisigkorb um Reisigkorb aus dem Wald. Man bedrängte die Gertrut schon mit Fragen im Dorf, wenn sie dort Näh- und Stickarbeiten ablieferte. Gertrut versuchte dann den Dorfklatsch, der über die Unmengen Reisig, die das Käthchen aus dem Wald holte, entstanden war, zu entkräften und harmlose Gründe dafür zu finden.

Mal sagte sie den Frauen am Brunnen: “Gestern hat der Wind in der Nacht besonders stark durch den Wald gepfiffen und an den Bäumen gerüttelt, sodass das Käthchen soviel Reisig finden konnte.“

Ein andermal wiederum, als sie auf dem Heimweg mit den Holzknechten tratschte, sagte sie denen: „Für Reisig braucht man G’spür“ und die Holzknechte nickten versonnen dazu.

Aber egal, wie viele kluge Ausreden sie auch erfand, sie konnte letztlich nicht verhindern, dass die Schwestern, besonders aber das Käthchen, ins Gerede gerieten bei den Dörflern.

Das viele Reisigsammeln Käthchens war im Übrigen bitter nötig, denn Gertrut und Irmtrut nahmen nicht genug ein mit ihren Tätigkeiten, die sie auch nicht so gerne verrichteten wie das Käthchen Reisig sammelte. Besonders die Irmtrut nicht, die das Putzen, Kochen und Bedienen mittlerweile kaum noch ausstehen konnte und das trotz ihrer Begabung für die Haushaltsarbeit.

Sie konnte es kaum noch erwarten zu heiraten.

Mehr und mehr lebten die Schwestern von Käthchens Reisigsammeln. Ob es dadurch eine Arbeit wurde? Nein, denn sie tat es nach wie vor gerne und sie tat es um ihrer ältesten Schwester das Bleiben zu ermöglichen. Aber der Anstand obsiegte schließlich.

Kaum, dass sich ein paar geeignete Kandidaten zum Heiraten gefunden hatten, ließ Irmtrut sie sich von der Geheimratswitwe vorstellen.

„Ach mein liebes Reisigkäthchen“ sagte sie noch zum Abschied, bevor sie zum Männer anschaun und sich verloben in die Stadt zog. „Wie stellst du dir das Leben vor? Immer nur Reisig sammeln, das ist doch kein Leben. Ich will eine ehrbare Frau sein und ein richtiges Leben haben und so muss ich eben heiraten. Kannst du mir verzeihen, dass ich dich allein lasse, mein Käthchen?“

„Natürlich verzeihe ich dir“ gab ihr das das Käthchen zur Antwort. „Ich kann mir schon denken, dass dich die Arbeit bei der Witwe nicht glücklich macht und wie dich das Armsein plagt und ich will, dass du glücklich wirst, aber ich habe große Angst um dich. Was, wenn das Heiraten auch eine Arbeit ist? Dann bist du ganz allein damit und ich kann dir mit Reisigsammeln auch nicht mehr helfen wie hier.“

Irmtrut tat es mit einem Lachen ab und sagte leichthin: „Davon hat die Geheimratswitwe nie etwas erwähnt und die meint es gut mit mir. Überhaupt habe ich das nie eine Frau sagen hören, obwohl doch alle Frauen seit Menschengedenken heiraten.“

So ging die Irmtrut fort um sich zu verheiraten. Ein junger Förster gefiel ihr unter den Bewerbern am besten und sie gefiel ihm auch sehr gut. Also machten sich die Beiden ans Heiraten. Aber Förster müssen in Forsthäusern tief im Wald leben um ihrer Arbeit nachgehen zu können und das Forsthaus, in dem dieser junge Förster, und damit auch Irmtrut, wohnen musste, war weit, weit entfernt von der Hütte, wo sie mit den Schwestern gelebt hatte, sodass sie fortan getrennt waren.

Die Hütte im WaldIrmtrut war nach dem Heiraten oft einsam. Kinder hatten sie keine und die Hunde nahm ihr Mann immer mit, wenn er auf die Jagd ging oder den Wald durchstreifte. Den Wald durchstreifen musste dieser aber fast die ganze Zeit, weil das seine Arbeit war und schließlich jeder viel arbeiten muss. Putzen und kochen musste die Irmtrut noch, aber nicht mehr für die Geheimratswitwe sondern nur für sich und ihren Mann. Da dachte sie manchmal im Stillen an Käthchens Verdacht, das Heiraten könnte auch eine Arbeit sein, verbiss sich den Gedanken jedoch gleich wieder, denn ehrbare Frauen denken so nicht und sie war jetzt eine ehrbare Frau.

Gertrut und vor allem das Käthchen vermissten ihre Schwester sehr, aber wo Gertrut sich einfach sagte „Der Irmtrut wird es schon gut gehen, sie ist jetzt schließlich die Frau eines Försters und wohnt in einem großen Forsthaus, ist ehrbar und hat weniger zu arbeiten“ beratschlagte das Käthchen auch mit dem Käfer darüber.

Den fragte sie oft, ob die Irmtrut jetzt weniger Zeit mit der Angst vor der Arbeit verbringe als vor dem Heiraten.

„Leider nicht“ musste der Käfer ihr dann sagen. „Offenbar hat sie jetzt Angst vor der Arbeit, die es bedeutet, die Frau eines Försters zu sein, so wie sie vorher Angst vor der Arbeit hatte, die es bedeutet, die Bedienstete einer Geheimratswitwe zu sein. Sie füttert mich jedenfalls noch mehr als früher.“

Die Jahre zogen ins Land und aus den jungen Frauen wurden nicht mehr ganz so junge Frauen. Gertrut und Käthchen wohnten immer noch in der Hütte im Wald.

Gertrut mochte das Nähen und Sticken inzwischen nicht mehr gern und die Leute, bei denen sie und vor allem das Käthchen inzwischen vollends ins Gerede gekommen waren, waren auch nicht mehr so nett zu ihr wie früher.

Zwei Schwestern, die allzu lange miteinander lebten, konnten sie ebenso wenig dulden wie den Umstand, dass das Käthchen nach wie vor Reisig sammelte und vor allem, dass es ihr nach wie vor Spaß zu machen schien, wo es andern doch eine harte und lästige Arbeit war.

„Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu“ sagten die Leute. „Das Reisigkäthchen wird mir langsam unheimlich“ sagten die Leute. „Vom Reisigsammeln leben, das geht doch nicht an – eine anständige Frau muss Heiraten – schon damit sie weniger Arbeit hat.“

Gertrut, die immer recht gern unter die Leute im Dorf gegangen war, litt sehr darunter, wäre auch gern ehrbar geworden und hätte gern weniger Arbeit gehabt so wie die Irmtrut. Einsamer war es in der Hütte geworden, seit die weggezogen war und nur mit dem stillen, schüchternen Käthchen zu sein für den Rest ihres Lebens, noch dazu von allen Leuten gemieden und schief angeschaut wegen dem Reisigsammeln, das wollte die Gertrut dann doch nicht und so beschloß auch sie eines Tages zu heiraten.

Um ein Haar hätte Gertrut damit zu lange gewartet weil ihr das Nähen und das Leben in der Hütte im Wald mit den Schwestern nicht gar so hart vorgekommen war wie der Irmtrut damals. Ans Bewerber aussuchen, wie die Irmtrut es noch gekonnt hatte, war bei ihr jedenfalls nicht mehr zu denken.

Eine Bäuerin, mit der Gertrut immer gern getratscht hatte, die es gut mit der Gertrut meinte, erklärte sich bereit, ihr bei der Suche nach einem Mann zu helfen und durch ihre Vermittlung fand sich schließlich im Dorf ein verwitweter Schneider, der bereit war, sie zur Frau zu nehmen. Schließlich konnte er so in der Gertrut nicht nur eine Frau gewinnen, sondern gleichzeitig damit seine schärfste Konkurrenz ausschalten, denn sie würde in Zukunft nicht mehr für sich und das Käthchen sondern für ihn zu nähen und zu sticken haben. „Trotz der üblen Nachrede, in der sie durch ihre Schwester, das Reisigkäthchen steht und trotz ihres Alters allemal ein gutes Geschäft“ dachte der schneider.

So ging auch die Gertrut fort, um ehrbar zu werden und in der Hoffnung, so weniger Arbeit zu haben. „Zwei paar Hände, die nähen sind schließlich besser als eins“ sagte sie zum Reisigkäthchen als sie ihr von ihrem Entschluss erzählte, „und Armsein ist hart. Es ist der einzig ehrbare Weg.“

„Aber was wenn Heiraten auch eine Arbeit ist?“ fragte mit Tränen in den Augen das Käthchen die Gertrut zum Abschied. „Mit dem Nähen kann man leichter aufhören als mit dem Heiraten und nähen musst du hier wie dort.“

„Du und deine wirren Ideen“ sagte darauf die Gertrut.

WaldDas Käthchen lebte von da an ganz allein in der Hütte im Wald. Hätte sie nicht den Käfer zum Freund gehabt, wäre sie sehr einsam gewesen.

Das Reisigsammeln machte ihr nach wie vor Freude und weil die Leute nun einmal Reisig benötigen, kamen sie trotz des zweifelhaften Rufes, in dem das Käthchen bei ihnen stand, zur Hütte um welches von ihr zu kaufen, denn selber Reisigsammeln fiel ihnen sehr schwer und Käthchen, dem Geld egal war, solange es reichte, um nicht zu verhungern, verlangte nicht viel dafür.

Immer wieder befragte das Käthchen ihren Freund den Zeitkäfer, ob er jetzt weniger Zeit von Irmtrut und Gertrut zu fressen bekäme und immer wieder musste der antworten „Nein. das Gegenteil ist der Fall. Wo ich früher ein paar Abendstunden wochentags und vielleicht mal einen halben Sonntag von ihnen bekommen habe, ist es jetzt deutlich mehr.“ Er sagte es ihr nicht gern, denn er mochte das Reisigkäthchen und machte es ungern traurig, aber anlügen wollte er sie auch nicht.

„Ich habs mir gedacht“ sagte eines Tages das Käthchen zum Zeitkäfer.

„Was hast du dir gedacht?“ fragte der Zeitkäfer.

„Dass heiraten eine Arbeit ist“ sagte das Käthchen.

Manchmal sah das Reisigkäthchen noch die Irmtrut, wenn die zu Besuch kam. Die Gertrut sah sie nicht mehr, weil ihr Mann, aus Angst vor dem üblen Ruf, in dem das Reisigkäthchen bei den Dörflern stand, ihr verboten hatte, sie zu besuchen. „Üble Nachrede kann allzu leicht abfärben in Dörfern“ sagte er und hatte nicht Unrecht damit.

Die Jahre zogen ins Land und aus den nicht mehr ganz so jungen Frauen wurden ältere Frauen.

Einmal versuchte die Irmtrut das Käthchen zu verheiraten, denn sie meinte es gut mit ihr und wollte nicht, dass das Käthchen allein im Wald in einer verfallenden Hütte und in bitterster Armut den Rest ihres Lebens mit Reisigsammeln verbringen sollte. Sie versprach, sie wolle sich umhören nach einem Mann, der bereit wäre das Käthchen zu heiraten. Viel erwarten dürfe sie dabei freilich nicht mehr, weil sie schon älter war und wunderlich, aber es gebe im Dorf, wo die Gertrut lebte, einen schielenden, alten Säufer, der auf Irmtruts Anfrage hin Interesse bekundet habe. Aber zu Irmtruts großer Überraschung war allein im Wald in einer verfallenden Hütte und in bitterster Armut den Rest ihres Lebens mit Reisigsammeln zu verbringen genau das, was das Käthchen wollte.

„Heiraten ist die schlimmste Arbeit von allen“ sagte sie damals der Irmtrut und die Irmtrut fragte sie nie wieder.

Die Jahre zogen ins Land und das Käthchen wurde alt und morsch wie das Reisig, das sie zu sammeln gewohnt war. Das Bücken fiel ihr schwer und den Reisigkorb zur Hütte zu schleppen bereitete ihr Rückenschmerzen. Zwar hätte der Käfer ihr gern geholfen dabei, aber außer Zeit fressen war er zu nichts nütze. Käthchen machte es nichts aus. Sie war dankbar, dass sie nicht allein war und tröstete den Käfer, indem sie „Es geht schon“ sagte, oder „Keine Sorge, lieber Herr Käfer, es macht mir noch Freude, auch wenn ich alt geworden bin.“

Irgendwann starb das Reisigkäthchen dann. Ihr Leben – ein Leben völlig unbefleckt von Arbeit und Lüge, wurde damals nicht als einzigartig oder bewundernswert wahrgenommen. Es wurde von niemandem gewürdigt und wohl von keinem ihrer Mitmenschen je verstanden. Nur einer hat sie wirklich verstanden.

Man nahm an, dass sie allein, unglücklich und einsam gestorben ist, aber das stimmt nicht. Ihr Freund, der Zeitkäfer war bei ihr und das uralte Übel neigte traurig sein Haupt vor „seinem kleinen Käthchen“, wie er sie selbst als alte Frau noch zu nennen pflegte und verstand, dass hier wohl der einzige Mensch gestorben war, dessen Widerwillen gegen die Arbeit stark  genug, dessen Aufrichtigkeit und Bescheidenheit je rein und lauter genug gewesen waren um ihn nicht zu fürchten und ihm eine Freundin gewesen zu sein.  

Der ZeitkäferWürde es Ihresgleichen je wieder geben? Wahrscheinlich nicht. Ihn würde es geben solange wie Menschen die Arbeit fürchten. „Oder das Heiraten“ dachte er noch und musste ans Reisigkäthchen denken.

 

 

 

Übersetzt aus dem Frühneuhochdeutschen von Siegfried Rosenkranz

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