Die Dialektik des Dreiecks

Glauben heißt nicht wissen

Der „Schwarze Winkel“. Ein Symbol, das manchen Vertretern unserer Bewegung als stark ideologisch aufgeladen, ja als Gegenstand religiöser Verehrung gilt. Symbole (Zeichen) brauchen keine Götter, auch wenn dies umgekehrt nicht der Fall sein mag.

Was unser Symbol kann: ein diskursives Feld abstecken.

Denken wir zur Erläuterung an das „Schere-Stein-Papier“-Prinzip: „Religion schlägt Wissenschaft“ bedarf kaum einer Erläuterung. Wer fanatisch an eine Ideologie glaubt, ist weder durch Argumente noch durch beweisbare Fakten (Kernstück im Prozess der wissenschaftlichen Wahrheitsfindung) davon abzubringen. Störenfriede werden eher gesteinigt, als dass man ihnen zuhört. Umgekehrt gelten dem Gläubigen die Ammenmärchen, die seine Identität, seine Weltauffassung konstituieren, als unumstößlich, als unangreifbar mit den Mitteln der Wissenschaft.

„Kunst schlägt Religion“ ist in diesem Kontext fast ebenso offensichtlich: Wo der Wissenschaftler, um seriös zu bleiben, stets den Regeln der Wissenschaft unterworfen scheitert, setzt die Kunst sich, wenn nötig, leicht darüber hinweg, lässt sich scheinbar (oder auch ernsthaft) auf die religiöse Sprache und Motivik ein und verleitet den Gläubigen so zu Schlüssen, die sein ideologisches Konstrukt auf dem Weg der Unterwanderung über kurz oder lang zum Einsturz bringen können. Denkbar wäre ebenso, die recht simplen Versatzstücke, mit denen die Religion arbeitet, zu imitieren und so durch Konfrontation mit einem ironischen Gegenbild ins Lächerliche zu ziehen:  Ein Kunstschaffender kann zum Beispiel einen Sermon auf ein fliegendes Spaghettimonster schreiben (wurde bereits gemacht), so spielerisch religiöse Verehrung für seine Geschichte einfordern und was will die Religion dagegen tun? Die andere Geschichte ist zwar ebenso absurd wie ihre, allerdings mit dem Unterschied, dass die Forderung nach Verehrung einer absurden Geschichte dem Religiösen echt und verpflichtend, dem Kunstschaffenden jedoch nur künstlerische Pose, also egal, ist. Klar, dass die Religion hier ins Hintertreffen gerät.

Inwiefern die Wissenschaft die Kunst schlägt? Sie ist wenngleich trocken und humorlos doch fähig, die Regeln der Kunst mit ihren Mitteln zu beschreiben und nachzuvollziehen, mit ihr in Dialog zu treten und zu bewerten. Die Kunstkritik ist geboren und sie ist dem Künstler bei Weitem nicht so unwichtig wie dem Fanatiker die Religionskritik.

Wir halten also fest:

Das bringt uns zur eigentlichen „Dialektik des Schwarzen Winkels“. Wichtig ist hierbei nicht so sehr, ob und inwiefern die Begriffe Gegensatzpaare bilden im Sinne von These/Antithese, wobei der jeweils dritte Part die Synthese darstellt (das wäre eine mögliche Auslegung des in der Wissenschaft uneinheitlich gebrauchten Wortes „Dialektik“), sondern, weiterführend die These, dass innerhalb des Dreiecks im Spannungsfeld der drei Begriffe der Ort ist, wo Macht, Herrschaft und Ordnung zusammenlaufen, wo die Leitideologie einer Gesellschaft perpetuiert, reaktualisiert und affirmiert werden.

Dazu ein kleines Experiment:
Wir setzen einen abstrakten Wert, mit dem sich jeder abgefunden hat, der als allgemein verbindlich, als „Wahrheit“ gilt, die „Arbeitslüge“ (unsere Auseinandersetzung mit dem Begriff der „Arbeit“) und betrachten, wie jeder der drei vorgestellten Machtpole den Begriff wertet, erklärt, definiert und mitkonstituiert.

Religion sagt, es wäre gottgewollt und fromm, zu arbeiten (wohl weil man dann weniger Zeit und Energie zum Nachdenken, unbequeme Fragen stellend und zum „sündigen“ hat), die Wissenschaft wird danach streben, den Begriff zu optimieren und ihren Bedürfnissen anzupassen und die Kunst wird nach Lust und Laune überhöhen, verspotten oder negieren, was auch immer man ihr in die Finger gibt. Hierbei ist eine Beobachtung entscheidend:

Die Eckpunkte des Dreiecks bestimmen den Inhalt, umgekehrt scheint dies jedoch nicht der Fall zu sein. Wissenschaft, Kunst und Religion bleiben als bedingende Größe stets konstant, der Inhalt des diskursiven Dreiecks jedoch wandel- und austauschbar.

Diese Dynamik bezeugt, dass unser Ansatz, die weitestmögliche Abschaffung der (Lohn)arbeit anzustreben bzw. ihrer ideologischen Überhöhung entgegen zu wirken nicht als revolutionär verstanden werden kann, denn kein Mensch darf (vorerst) hoffen, am Dreieck selbst zu rütteln. Eine unter vielen vom Dreieck bestimmten Leitideologien durch ihr Gegenstück, die Nichtarbeit, zu ersetzen, ändert nichts an der Funktionalität und Beschaffenheit des Dreiecks, oder wie es die Religiösen in unserer Bewegung gern ausgedrückt hätten: „Der Schwarze Winkel währet ewiglich“, was jedoch nichts mit dem fliegenden Spaghettimonster zu tun hat, sondern lediglich der Tatsache geschuldet ist, dass Begriffe für ihr ideologisches Bezugssystem weniger entscheidend sind als dies umgekehrt der Fall ist. Diskurs, nicht göttliche Fügung, waltet hier. Setz ein was du willst, die Dynamik bleibt vom Inhalt unbeeinflusst.

Der Beweis hierfür:

Die Welt dreht sich weiter, die „Realität“ hat nicht ausgesetzt, kein strafender Blitzschlag (aber auch keine lobenden Worte) aus den Wolken am Himmel. Das Dreieck bezeugt, wie hochgradig wandelbar gesellschaftliche Werte sind, ohne dabei an den Grundwerten, den „Eckpfeilern“ einer Gesellschaft zu rütteln.

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