Ein Tag im Leben des Propheten: Begegnung mit der Bürgerwehr

Gläubige!

Am Heimweg von einer Nachtpredigt bin ich einer Gruppe junger Burschen im Alter von etwa 25-35 Jahren beim Herumlungern begegnet. „Gottgefällig“, dachte ich mir und ließ es dabei bewenden. Einer der Buben erdreistete sich sogar, mich anzusprechen – aber nicht, um theologischen Rat einzuholen, nein! Er wollte eine Rechtfertigung von mir, dem Propheten höchstselbst, was ich vorhätte und wer ich sei. Der Mantel des Müßiggangs, der mich als religiöses Oberhaupt des Schwarzen Winkels ausweist, war dem jungen Tor offenbar kein Begriff.

„Ich bin ein Gammler, so wie ihr, aber rechtfertigen werde ich mich nur vor Gott, dem Herrn“, war die einzig angemessene Antwort. Sodann setzte ich zu einer beflissenen Predigt an, die die Umstehenden sofort zum Schweigen brachte. Sie sagten nichts, aber ihrem Gebaren konnte ich entnehmen, dass sie sich ob ihrer Unwissenheit schämten und für die Nichtarbeit im Namen des Herrn begeistert waren. Ohne Zweifel hat der Schwarze Winkel durch dieses Gespräch wieder neue Anhänger gewonnen.

Im Anschluss an die spontane Konvertierung der Gruppe fragte ich sie nach ihren aktuellen Gammelaktivitäten aus. Es stellte sich heraus: Die Gammler waren Teil der neu gegründeten „Bürgerwehr Wien“, deren Aufgabe es ist, nächtens untätig in den dunklen Seitengassen Floridsdorfs herumzulungern. Die Buben wurden nicht müde, zu betonen, dass das Lungern für die Bürgerwehr nicht viel Arbeit sei – ganz im Gegenteil sei dies nur eine Scheintätigkeit, die den Beteiligten ermögliche, ihr Selbstbewusstsein mit offen zur Schau gestellter Untätigkeit aufzupolieren.

„Wenn ich unentgeltlich als Frauenbegleiter arbeite, nehmen mich die Leute wenigstens ein bisschen ernst“, beichtete mir einer der Jugendlichen. „Es macht mir zwar keine rechte Freude, aber ich hoffe, dabei wenigstens ein paar Frauen kennen zu lernen“ gestand er mir mit Tränen in den Augen.

Rechtliche Befugnisse oder Sinnhaftigkeit habe eine Bürgerwehr, laut den jungen Leuten, ohnehin keine. Es gibt wahrlich bessere Arbeitsumgehungsmaßnahmen (AUM)! Immerhin ein guter Ansatz, sich öffentlich der Untätigkeit hinzugeben, dachte ich mir.  Von einem der Konvertiten wurde mir außerdem schüchtern verraten, dass diese Tätigkeit vollkommen unbezahlt ist. Viele wissen eben nichts Rechtes  mit sich und ihrer Freizeit anzufangen.

Eine schockierende Offenbarung.

Ich sage euch, Gläubige: So schlimm steht es also heutzutage um die einstmals große Kunst der AUM!

Herumlungern ist Selbstzweck!

Als Prophet des wahren Glaubens ist es meine Aufgabe, diesen Herren Alternativen aufzuzeigen. Nach angemessener Prokrastination habe ich meinen Fortbildungsbeauftragten, Stephan Leitner, in die Pflicht genommen, diesen verhinderten Gammlern aufzuzeigen, wie es richtig geht. Der Kurs „Wie gammle ich richtig?“ und die Folgekurse „Herumlungern in stressigen Situationen“ und „Kraft durch Gammeln“ wird jetzt und in Zukunft für orientierungslose Mitglieder von Bürgerwehren zum halben Preis angeboten.

Des weiteren werden wir den Gammlern der Bürgerwehr in einem Schreiben dazu gratulieren, dass sie die alte Kunst des öffentlichen Gammelns und Herumstreunens hochhalten, sie aber auch darauf hinweisen, dass es dafür keiner Scheinbetätigung bedarf: Herumlungern ist gottgefällig. Einen Vorwand dazu zu brauchen, nicht.

Madras Bez

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