Eine Arabische Groteske

Aus der Sammlung "Arbeitsmärchen"

Der Sultan Seyit Ibn Kaslan war weithin berühmt unter den Gläubigen. Im Licht seiner Herrschaft erblühten die Menschen. Dies lag an der großen Weisheit, die man ihm nachsagte, und das zu Recht.

In dem Städtchen Bagdad, wo er herrschte, war nämlich alles derart angeordnet, dass niemand zuviel arbeiten musste, sodass Bagdad zwar nicht die größte Armee hatte oder die prächtigsten Gärten, nicht die höchsten Zinnen, auch nicht am meisten glänzendes Gold, aber dafür die glücklichsten Menschen.

Es begab sich, dass im 17. Jahr seiner Herrschaft des Sultans Großwesir, der ehrwürdige und hochangesehene Bez Ibn Rahman, um dessen Willen niemals jemand zuviel gearbeitet hatte, verstarb. Nach angemessener Trauerzeit um den lieben Freund und würdigen Berater ließ der Sultan seinen Untertanen folgende Worte verlesen:

“Wer mir drei Fragen zu meiner Zufriedenheit beantwortet, soll mein neuer Großwesir werden anstelle des hochangesehenen Bez Ibn Rahman, um dessen Willen nie jemand zuviel gearbeitet hat.”

Da die Mittagshitze auf dem Vorplatz des Palastes am dafür festgesetzten Tag recht unangenehm zu werden drohte, meldeten sich nur drei Bewerber, zwei Männer aus Bagdad und ein Mann aus Damaskus, der mit seinem Diener angereist war in der Hoffnung, er könne die Fragen des Sultans zu dessen Zufriedenheit beantworten und so Großwesir von Bagdad werden.

Die Bewerber hatten einige Zeit auf dem Vorplatz auf Einlass zu warten. Die zwei Männer aus Bagdad taten es alsbald den Torwachen gleich und machten es sich nach Landessitte im Schatten bequem.

Der Mann aus Damaskus jedoch hielt seinen Diener, ob aus Bosheit oder Langeweile, aus Unruhe oder Gefallsucht ist nicht bekannt, unablässig zu verschiedensten Arbeiten an – mal wollte er seine Haar- und Barttracht neu in Ordnung gebracht haben, wo nicht eine Locke, nicht ein Härchen seines Bartes in Unordnung war, dann wiederum ließ er ihn Schuhe putzen, an denen kaum ein Staubkorn haftete, hieß jenen die Falten seines Umhangs und den golddurchwirkten Kaftan ordnen wo alles bereits wie angegossen saß, dabei unentwegt klagend und zeternd. Sein Verhalten weibisch zu nennen hätte eine grobe Beleidigung der wackeren Frauen von Bagdad bedeutet. Bald gerieten seine zwei Mitbewerber und die Wachen und jeder, der vorbeischlenderte, über das Verhalten des Mannes aus Damaskus erst in großes Erstaunen und schließlich in Wut.

Ein Stallknecht wollte gar mit der Kamelpeitsche dazwischenfahren, so sehr entsetzte ihn der Anblick. “Wirst du wohl aufhören, jenem so unnötig Arbeit aufzubürden du Schuft,” rief er “sonst werf ich dich eigenhändig, wer du auch sein magst, aus dem Palast. Kein Grund die Wachen oder sonst wen zu behelligen, dein sittenwidriges Verhalten macht mich so zornig, dass ich es gerne tun werde, sodass es keine Arbeit für mich wäre!”

Also sprach der umsichtige und leicht erzürnbare Stallknecht und der Mann aus Damaskus unterließ notgedrungen das Drangsalieren seines Dieners. Den Diener aber, einen mageren und blassen Knaben, der all die Launen seines Herrn mit unbewegter Miene erduldet hatte, fragte schließlich ein neugierig gewordener Torwächter, der ja alles hatte beim Ausruhen mitansehen können, wie dieser sich ohne auch nur eine Braue hochzuziehen, ohne ein Fluchwort vor sich hinzuflüstern, ohne irgend eine Regung zu verraten in die Qualen sinnlosen Arbeitens hatte fügen können.

“Ich bin nicht von hier, wo die Weisheit des Sultans die Menschen vor unnötiger Arbeit bewahrt” antwortete der Knabe “und bin daher solche Exzesse leider gewöhnt. Arbeiten ist besser als Verhungern, wenn auch nur geringfügig. Deshalb habe ich mich in die Dienste dieses Mannes aus Damaskus begeben und muss mich wohl oder übel seinen Launen fügen. Ihm zu zürnen oder gar mit ihm zu streiten wäre, so glaube ich, nur noch mehr unnötige Arbeit, die ich, wo ich sie meinen Händen nicht ersparen konnte, doch wenigstens meinem Gesicht ersparen wollte.”

“Das war wohlgetan”, sagte daraufhin der Torwächter und berichtete, was er im Gespräch mit dem Knaben gehört hatte, seinen Kollegen und den beiden Bewerbern aus Bagdad.

“Nicht einmal sein Gesicht lässt er unnötig arbeiten” entfuhr es einem der beiden und alle Umstehenden nickten zustimmend und erkannten, dass in dem Knaben große Weisheit steckte.

Als der Mann aus Damaskus sah, wie die Männer unter sich sprachen und dabei immer wieder in seine Richtung blickten, darunter seine Mitbewerber, dachte er, sie wollten sich gegen ihn verbünden und sich über die drei Fragen des Sultans absprechen oder ihm Gewalt antun und so den würdigsten Bewerber, denn dafür hielt er sich, aus dem Weg zu räumen.

Dass die Leute von seinem Diener geredet hatten, kam ihm nicht in den Sinn, denn den hielt er für faul, weil er keinen Eifer an den Tag legte und für unterwürfig, weil jener seine Launen stets ruhig ertragen hatte.

Als die Wartenden schließlich vor den Sultan treten durften, da wurden der Hofstaat und die Bewerber aus Bagdad sogleich Zeugen der milden Nachsicht des Sultans.

Der Mann aus Damaskus war nämlich übereifrig, ja fast ungestüm in den Thronsaal geeilt und zog den Knaben, der seinen verschwenderisch langen Umhang hinter ihm herzutragen hatte, hintendrein. Diesen Affront sah der Sultan ihm nach, sprach aber in angemessener Strenge sogleich den Heranstürmenden, der sich vor unangebrachtem Eifer kaum mehr beherrschen konnte, an:

“Willkommen Fremder. Man hat mir berichtet, dass du aus Damaskus kommst und mit unseren hiesigen Gepflogenheiten nicht vertraut bist. Erlasse doch zunächst dem Knaben, der deinen übergroßen Umhang trägt, die unnötige Arbeit. Der Boden ist nicht so schmutzig – der wird, glaube ich, einmal pro Woche geputzt.” – “Manchmal sogar öfter, wenns mich freut” war aus dem Hintergrund, wo die Dienerschaft ihrem Sultan aufwartete, zu vernehmen. “Manchmal sogar öfter, da hörst du’s” griff der Sultan den Wink eines seiner Kammerdiener auf und bedachte sie alle, wie sie da saßen, mit freundlichen Blicken. “Der Lehnstuhl auch bequem, Ali? Danke fürs Saubermachen, ich weiß, es kann manchmal hart sein. Ich will sogleich zur Sache kommen” fuhr er, sich an die Bewerber wendend, fort.

“Ihr wollt Großwesir werden anstelle von Bez Ibn Rahman, um dessen Willen niemals jemand zuviel gearbeitet hat.” “Halt ein, oh Zierde des Müßiggangs” fiel ihm da respektvoll aber bestimmt der erste Bewerber aus Bagdad ins Wort. “Ich kann euch Arbeit ersparen, indem ich mich sogleich zu Wort melde. Ich bin Töpfer in eurer schönen Stadt, Licht der Weisheit und bin eigentlich ganz zufrieden mit meinem Platz in der Welt. Meine Frau träumt jedoch von hübschen Gewändern und rauschenden Festen und liegt mir ständig in den Ohren, ich solle doch ehrgeizig sein, sodass ich mir nicht mehr anders zu helfen wusste, als mich um jene Stelle hier zu bewerben, denn ich verfüge nicht über den Gleichmut dieses Knaben, des Dieners jenes Mannes aus Damaskus, ihr Gezeter mit unbewegter Miene auszuhalten. Ich will sogleich nach Hause gehen und ihr sagen, dass ich mir um ihrer Zufriedenheit willen nun doch nicht mehr die Arbeit antue – sei es auch die eines Großwesirs – wieviel sie auch keifen und zetern mag. Wenn jener Knabe dort die Behandlung aushalten kann, die er von seinem Herrn erdulden muss, kann ich das allemal mit meiner Frau, denn eigentlich ist sie recht liebreizend in ihren Launen.”

So sprach der erste Bewerber, verneigte sich vor dem Sultan und verließ den Thronsaal als ein weiserer und glücklicherer Mann, der die drei Fragen nun gar nicht gestellt bekommen wollte. Der Sultan sah’s mit Wohlgefallen und sprach: “Das wäre ein Mann ganz nach dem Geschmack des hochangesehenen Bez Ibn Rahman gewesen, denn er ist einsichtig und tut ohne viel Aufhebens, was er für richtig hält.”

Der Mann aus Damaskus war hin- und hergerissen zwischen der Freude, dass ein Bewerber ausgeschieden war und der Verwunderung über das Gesagte. Aufgeben und von einer Arbeit zurücktreten war nicht eben hochgeschätzt in Damaskus, sodass er, was eben vorgefallen war, nicht verstand. Er dachte aber bei sich, der andere Bewerber aus Bagdad könnte ebenso handeln, wodurch ihm die Stelle von ganz alleine zufallen würde und ließ ihn darum vor. Und wirklich trat dieser vor den Sultan und sprach:

“Oh Zierde des Müßiggangs, Licht der Weisheit, mein Sultan. Ich bin ein von Natur aus jähzorniger und herrschsüchtiger Mann. Ich bin weise genug zu begreifen, was unnötige Arbeit ist, dass sie den Aufrichtigen ein Gräuel zu sein hat und nach Möglichkeit vermieden werden soll, doch hätte ich, das erkenne ich jetzt, unter dem Deckmantel der Würde meines Amtes wichtigtuerisch andere zur Arbeit angehalten oder aus Geltungssucht unnötig viel, darunter auch manch Schlechtes, getan. Wäre ich jener Knabe, der Diener des Mannes aus Damaskus, ich hätte ihn aus Zorn über die unnötige Arbeit hinterrücks erstochen oder, schlimmer noch, aus Neid gewünscht, unsere Rollen wären vertauscht und ich könnte derart über ihn verfügen. Kurz, ich bin nicht fromm genug für das Amt des Großwesirs – es würde mich werden lassen wie jenen hier.” Dabei zeigte er abfällig auf den Mann aus Damaskus und wandte sich nach einer respektvollen Verneigung zum Gehen, wie ein Mann, der weiß, dass er über vieles im Leben nachzudenken hat.

“Das wäre ein Mann nach dem Geschmack des hochangesehenen Bez Ibn Rahman gewesen, denn er steht zu seinen Schwächen und bewahrt sich und andere so vor Gewalt und falschem Eifer” sprach der Sultan und blickte ihm mitleidig nach.

Der Mann aus Damaskus hörte ihn nicht, war er doch außer sich vor Freude und glaubte sich der Stelle sicher, egal wie gut er die drei Fragen beantwortete. Geckenhaft und aufgeblasen stolzierte er vor den Sultan, der ihm sogleich die erste Frage stellte: “Wieviel soll man arbeiten?” Der Mann aus Damaskus dachte angestrengt nach. Er war sich nicht sicher, was der Sultan hören wollte. In Wahrheit dachte er, die Antwort wäre “So viel wie irgend möglich”, so hatte er es in Damaskus gelernt und so war es ihm gerade recht, doch hatte er nach allem, was er bisher in Bagdad erlebt hatte, den Verdacht, dass man hierzulande anders darüber dachte. “Am besten gar nicht” log er also. Der Sultan nahm’s zur Kenntnis und stellte ihm die zweite Frage: “Was ist der Sinn der Arbeit?” “Das geht ja einfacher als ich dachte”, sagte sich der Mann aus Damaskus und dünkte sich listig. In seiner Heimat hätte er geantwortet: “Reich zu werden und dann noch reicher und immer reicher, golddurchwirkte Kaftane und schnittige Kamele zu kaufen, Haar und Bart stets nach dem neuesten Moden zu tragen, in Palästen mit möglichst hohen Türmen zu wohnen, zu verbrauchen und anderen anzuschaffen wo es nur geht.”

Dem Sultan aber antwortete er: “Die Arbeit hat keinen echten Sinn.” Der Sultan nahm’s zur Kenntnis und stellte die dritte Frage. “Hast du etwas besseres zu tun als mein Großwesir zu werden anstelle des hochangesehenen Bez Ibn Rahman, um dessen Willen nie jemand zu viel gearbeitet hat?” “Weiß Gott ja” dachte der Mann aus Damaskus. Er war Kaufmann und hatte für die Reise nach Bagdad daheim seinen Beruf und seine zahlreichen geschäftlichen Aktivitäten ruhen lassen müssen, was ihn sehr reute. In Zukunft würde er diese von Bagdad aus zu betreuen haben, dachte er, denn er wähnte sich der Stelle sicher, wenn er nur antwortete, was er glaubte, dass der Sultan hören wollte. Also antwortete er: “Natürlich nicht, was habe ich schon groß zu tun?”

Erwartungsvoll blickte er den Sultan an. Würde er ihn an Ort und Stelle zum Großwesir machen? Dieser lächelte und sprach: ”Wenn du denkst, ich würde einen Lügner zu meinem Großwesir machen, bist du dümmer als das Kamel, das dich hergetragen hat. Wir wollen sehen, ob der vierte Bewerber besser antwortet.”

Nun ehrlich verwundert sah der Mann aus Damaskus zum Sultan auf und sagte: “Ich verstehe nicht. Wir waren nur drei Bewerber und zwei haben bereits aufgegeben.” “Du siehst nur drei Bewerber und einen Diener, ich aber sehe vier Bewerber“ gab ihm der Sultan zur Antwort und winkte dabei den Knaben zu sich, den der Mann aus Damaskus vorhin hastig in eine Ecke gewiesen, als der Sultan ihm zu verstehen gegeben hatte, er würde das Tragen eines Umhangs nicht dulden. “Was kann der Knabe denn schon wissen?” platzte es da aus dem Mann aus Damaskus heraus. Ich habe ihn stets nur als faul und unterwürfig kennengelernt seit er in meinen Diensten steht. „Er kennt keinen Eifer und tut immer bloß das Nötigste. Nicht einmal um seinen Lohn feilscht er mit mir, obwohl ich ihn schlecht bezahle!” Dem Gezeter des Mannes aus Damaskus keine Beachtung schenkend fragte der Sultan den Knaben, ob er die Antworten auf die drei Fragen kenne.

“Natürlich”, sagte mit ruhiger Stimme der Knabe. “Sie lauten: Arbeite so wenig wie möglich aber so viel wie nötig; der Sinn von Arbeit ist, dass niemand verhungert und schließlich, ich habe nichts besseres zu tun, denn meine einzige Alternative ist es, für jenen Mann aus Damaskus zu arbeiten.”

Da wurde der Knabe auf der Stelle zum neuen Großwesir ernannt und der Mann aus Damaskus davongejagt. Der Name des Knaben war übrigens Harun al Rashid und wenn er auch nie die Weisheit des Sultan Seyit Ibn Kaslan erlangen sollte, hielt er sich ganz tüchtig, wie man sich erzählt. Bis heute jedoch sagt man in Bagdad “sich aufführen wie ein Mann aus Damaskus” wenn jemand freche Lügen erzählt oder einem unnötig Arbeit aufbürden will und “dem Sultan seine drei Fragen erlassen” wenn einer große Einsicht zeigt und dadurch anderen Arbeit erspart.

Übersetzt aus dem Altarabischen von Siegfried Rosenkranz

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