Interview mit einem Gammler: Dr. Marco Pogo

Name: Dr. Marco Pogo
Alter: Geheim
Beruf: Stolzer Mindestsicherungsbezieher
Bisherige Arbeitserfahrung: Kaum bis gar nicht
Tätigkeiten: Bandleader von Turbobier und Vorsitzender der Bierpartei
Alphagammler: Ja

Dr. Marco Pogo – die schwarze Lederjacke, Plastiksonnenbrille und umgedrehte Baseballkappe wollen auf den ersten Blick so gar nicht zum leutselig-souveränen Auftreten dieses Alphagammlers passen. Während ein kalter Herbstwind im spärlich erleuchteten Innenhof vor dem Arenabeisl die Blätter aufwirbelte, unterhielten wir uns – über das Leben, die Kunst, Politik, kreative Arbeitsumgehungsmaßnahmen und natürlich die Liebe zum Gerstensaft.

Verrätst du uns etwas über deine künstlerische Message und deine Einstellung zur Musik? Du als Künstler, wozu das alles?

Ich will mobilisieren, ich will ein bisschen die Welt verbessern, bin mir aber dessen voll und ganz bewusst, dass man das nicht immer schafft.

Schon zum Zyniker geworden?

Ein bisschen. Ich will natürlich auch Leute unterhalten und ihnen eine gute Show bieten – will meiner Aufgabe als Unterhalter nachkommen. Ich will nicht fremdpolitisieren, sondern rein die Ideale meiner eigenen Partei unters Volk mischen. Denn ich denke, dass nur die Bierpartei den Karren aus dem Dreck ziehen kann. Und der steckt tief. 

Gibt es thematische Anknüpfungspunkte der Bierpartei mit dem Verein F.A.u.L.?

Wir kommen aus einer ähnlichen politischen Ecke, dennoch ist bei uns das Dranglertum die primäre Wählerschicht, und oft geht halt das Dranglertum mit dem Nichtstun oder dem Tachinierertum Hand in Hand. Was wir auch durchwegs begrüßen, weil wir halten nichts von Arbeit. Und ihr haltet viel von Bier. So reicht man sich die Hände. 

Was ist das primäre Ziel der Bierpartei?

Unser primäres Ziel als politische Partei ist endlich einmal eine Standesvertretung für die Bierfreunde grenzüberschreitend zu schaffen. Denn wir sind eine tolerante Partei und wissen, dass es auch im Ausland gute Biere gibt. Wir begreifen das Hereinströmen – und ich verwende bewusst das Wort “Strom”, das wie das Wort “Welle” oft als angstschürender Terminus verwendet wird – wir begreifen das Hereinströmen von ausländischen Bieren in unseren Kulturkreis nicht als Gefährdung, sondern als Bereicherung.

Marco Pogo
„Ich trinke viel lieber einen warmen Radler mit einem Menschen beliebiger Herkunft als 10 Hektoliter kaltes Bier mit einem Rassisten.“ – Dr. Marco Pogo

Willst du mehr Musiker oder eher Politiker sein?

Beides hat einen Platz in meinem Herzen. Wenn ich darüber nachdenke, dass man als Musiker auch – sagen wir – fast immer betrunken sein darf, aber dennoch Konzerte spielen muss, die über eine Länge von 1 Stunde 20 Minuten gehen, was für mich die absolute Arbeitsgrenze ist – ab dann ist es Arbeit.  In der Politik ist es so, dass man die ganze Zeit betrunken sein kann ohne Leistung erbringen zu müssen, da würde ich sagen: ich will Politiker werden!

Was hast du bisher schon gearbeitet?

Nichts! Arbeit kommt für mich nicht in Frage. Ich muss gestehen: Ich hab für den Bezug der Mindestsicherung getrickst, ich habe die AMS-Betreuerin mit unseren stylischen Turbobier-T-Shirts bestochen! Meine Betreuerin ist selber bei Konzerten und singt besonders beim Lied „Notstandshüfe“ begeistert mit. Prost!

Alphagammler haben eine Vorbildfunktion, hast du die und inwiefern hast du die?

Ich krieg in letzter Zeit oft mit, dass ganz junge Leute Turbobier-Fans sind. Ein Bekannter hat mir erzählt, sein 12jähriger Sohn  geht in eine Schulklasse, in der gibt’s nur Turbobier, die kennen die ganzen Texte und singen mit. Dranglerische Früherziehung – es greift!

Es gibt immer wieder schöne Momente bei Konzerten, so wie letzte Woche in der Steiermark, wo mir einer gesagt hat: Marco, du bist der Fels in unserer Brandung. Da hab ich mir gedacht “wow, richtig gut”. Das war schon sehr schön. Das, was immer wieder vorkommt: „Du bist mein größtes Vorbild“ – ohne Scheiß, das höre ich relativ oft.

Wie denkst du, hat er das gemeint?

Der hat das unbewusst äußerst poetisch ausgedrückt. Ich weiß gar nicht, ob er sich der Größe seiner Worte bewusst war. Er war schwer alkoholisiert, aber ich habe trotzdem das Gefühl, dass er es ehrlich gemeint hat. Ich glaube, es ist diese arbeitsverweigernde Haltung und dieses ‘i scheiß auf ois” und ich glaube, dass die leute nicht alles 1:1 für bare Münze nehmen. Aber die, die das sagen, sagen das aufgrund der “i scheiß auf ois”-Haltung.

Wenn du sagst, ich scheiße auf alles, dann hab ich trotzdem das Gefühl bei dir, dass es dir mehr am Herzen liegt als zum Beispiel H.C. Strache, wenn der sagt, “Mir liegt alles am Herzen”. Wieso ist das so?

I glaub, i bin afoch vü gscheiter als da H.C. Strache.

Bist du jetzt eine Rampensau oder ein empfindsamer, nachdenklicher Künstler?

Ich glaube, man kann beides sein. Die feine Klinge ist notwendig. Beim Thema Vassilakou hätte ich schreiben können “Tritt zruck”. Das haben auch viele gemacht. Aber es entspricht nicht meinem künstlerischen Anspruch von Witz, Satire und Kreativität. Wenn ich etwas anspreche, versuche ich es immer direkt anzusprechen, ohne, dass das ganze plump wird. Ich sehe im internet so viel Scheißdreck, der plump ist. Damit kann ich nichts anfangen. Eher versuche ich, Plumpem einen intellektuellen Anstrich zu geben. Und ich glaube, das ist auch das, was die Leute geil finden. 

Nimm zum Beispiel unser Lied „Årbeitslos„: Wir wollten damals nur die gschleckten Ottakringer Kibara veroaschen [die „Atemlos“ von Helene Fischer gesungen haben, Anm.], aber einfach nur nachsingen wäre zu plump. Gewisse Themen, so blöd sie auch sein mögen, müssen irgendwie immer in eine Form gegossen werden, die meinen Vorstellungen entspricht. Man stellt sich explizit über plumpe Beschimpfungen, die man vermeiden möchte. Aber manche muss man einfach plump beschimpfen!

[Hier dreht Dr. Pogo den Spieß um und interviewt unseren Interviewer]

Denkst du übrigens, dass bildungsferne Schichten glücklicher sind mit der Arbeit, oder bildungsnahe Schichten, aber nicht, weil die Arbeit so toll ist, sondern, weil das Prestige stimmt?

Ich denke, dass bildungsferne Schichten weniger zu verurteilen sind, denn die bildungsnahen Schichten sollten leichter durchschauen, dass die Arbeitslüge eine Farce ist. Ich denke, jeder Mensch sucht irgendwie nach Sinn – und Sinngebung ist traurigerweise für die meisten die ideologische Überhöhung der Arbeit. 

Das war ein angenehmes Interview, wir werden schwierigere Kunden haben, denke ich.

Danke! Wie die Anfrage kam, war mir klar, das gehört sich g’macht. Man darf ja nicht so viel Zeit verlieren, wie das in der Politik der Fall ist.  Ich bin sehr erfreut über dieses befruchtende Gespräch. Oida, saufen Oida!

Nimmst du die Ehrenmitgliedschaft im Verein F.A.u.L. an?

Ja! Gehen wir noch in die Kathedrale [zeigt auf das Arenabeisl] um dem Gerstensaft zuzusprechen!

„Welt verbessern statt Bier verwässern“

1 Kommentar zu Interview mit einem Gammler: Dr. Marco Pogo

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*