Interview mit einem Gammler II: Jan Premutos

Name: Jan Premutos
Alter: 27
Beruf:  Professioneller Arbeitslosengeldbezieher
Bisherige Arbeitserfahrung: 5 Jahre Samariterbund – Notfallsanitäter, Krankenpflegerschule, 2 Jahre in einem Pflegeheim, 6 Monate geringfügig Lagerlogistik
Tätigkeiten: Reisender Gammler, Spartan Racer
Alphagammler: Ja

Mein heutiger Interviewpartner wird mir als Mann mit 1000 Gesichtern und einem Hang zur Selbstdarstellung beschrieben. Wenn man durch die Unzahl an Fotos blättert, die er mir für die Berichterstattung zur Verfügung stellt, wird schnell klar: das ist stark untertrieben. Alles an ihm ist irgendwie leger, ohne aufgesetzt zu wirken. Von seiner grau-olivgrünen Wanderausrüstung, die auch aus einem Army Shop kommen könnte über seine entspannte Haltung bis hin zu seinem herausforderndem, leicht spöttischen Blick, mit dem er mich begrüßt. Auf eine schwer zu beschreibende Art wirkt er sympathisch.

Der sportliche junge Gammler gibt sich unerwartet bescheiden: Ihm ist bewusst, dass er in einer privilegierten Position ist und mehr Geld zur Verfügung hat, als er benötigt. Dadurch fällt ihm die Nichtarbeit leichter als anderen Gammlern. „Gammeln muss man sich leisten können – leider! Ich kann es mir halt leisten, daher sehe ich es aber auch als meine Pflicht, meinen Job hinzuschmeißen und ’nichts‘ zu tun.“

"Gammeln muss man sich leisten können" - Jan Premutos
„Gammeln muss man sich leisten können“ – Jan Premutos

Hättest du deine Jobs auch gemacht, wenn du das Geld einfach so bekommen hättest?

Fix nicht! Wichtig ist bei meinen Aktivitäten in erster Linie die Unfall- und Krankenversicherung.

Bist du also ein Alphagammler?

Schwierige Frage. Was könnte mich zum Alphagammler machen? Vielleicht, dass ich die Sachen wirklich mache, auf die ich Lust habe. Den Mut habe, den Job aufzugeben, der mir nicht taugt. Man muss die Angst überwinden. Wenn man die Arbeitszeit zumindest reduzieren kann, hat man schon gewonnen. Grundsätzlich sage ich: Sobald man sich erfolgreich von der Knechtschaft des Schillings befreit, beschreitet man zumindest den Weg des Alphagammlers.

„Zeit vertandeln statt Welt verschandeln“ – Jan Premutos

Was meinst du mit Angst überwinden?

Die Angst, einer finanziell unsicheren Zukunft entgegenzusehen – Zukunftsängste im Allgemeinen. Wenn ich von Freunden und Bekannten höre, „wie schaut’s aus die nächsten Jahre, wie soll’s weitergehen?“ Die verstehen das überhaupt nicht, die brauchen etwas, an dem sie sich festhalten können, auf das sie hinarbeiten können. Die meisten haben keinen Mut, weder zum Gammeln noch zu sonst etwas! Ich bin da zuversichtlich und denke mir: Irgend etwas wird sich schon ergeben.

In deinem Beruf hast du sicher viele Kolleginnen und Kollegen gesehen, die ihr ganzes Leben gearbeitet haben – wie geht es denen damit? 

Die sind ausgebrannt, grantig, zwider, zählen die Tage bis zur Pension – und mir ist schnell klar geworden, ich mach den Beruf die nächsten 5-10 Jahre, bis ich gemerkt habe, ich werde auch so. Nach 2 Jahren war ich schon ganz gut dabei im Grantigwerden und hab mir gedacht – da lass ich’s halt besser nach 2 Jahren schon gut sein.

Meine Kollegen sind halt schon geistig und körperlich bedient, das merkt man aber nicht nur bei denen, die das schon ihr ganzes Leben machen – auch bei jungen Kollegen Anfang zwanzig – die erzählen dir, sie weinen jeden Tag. Da denk ich mir, es wird schön langsam Zeit, den Mut zu finden, umzudenken. Viele trauen sich nicht, zu kündigen, weil dann in ihrem Lebenslauf eine arbeitslose Zeit vermerkt ist. Da sind die Leute zum Teil wirklich paranoid.

Was ist so besonders hart am Pflegeberuf?

Es ist für jeden anders, da jeder Mensch einen anderen Charakter hat. Grundsätzlich ist es von Vorteil, wenn einem die Pflegebedürftigen egal sind – dann stört es dich nicht, wenn man zu wenig Zeit hat. Zu wenig Zeit ist immer das große Thema im Beruf Pflege.

Zum Beispiel: Wenn ein Patient in seinem Leben keinen Sinn mehr sieht und nur noch das Gefühl hat, anderen zur Last zu fallen und dir sagt, er ist für nichts mehr gut: Das ist nicht in 3 Minuten Händchenhalten erledigt. Da muss man sich oft und lange Zeit nehmen, um sich mit diesem Menschen intensiv auseinanderzusetzen. Das funktioniert in Österreich in der Pflege überhaupt nicht, aufgrund der enormen Menge an Bereichen, um die man sich kümmern muss. Auch, wenn man sich die Zeit nimmt, heißt’s dann gleich von den Kollegen „der tratscht nur und zaaht obe“. Damit haben engagierte Pfleger viel zu kämpfen. Der allgegenwärtige Personalmangel ist in der Pflege immer spürbar, da das Personal als größter Kostenfaktor gerne eingespart wird.

So wird durch die Arbeitslüge aus einer eigentlich sinnvollen Tätigkeit, die theoretisch ja auch Freude machen könnte und sollte, eben nur Arbeit. Mit sämtlichen negativen Konsequenzen, und das für alle Beteiligten. Die Entscheidung fürs Gammeln ist mir daher sehr leicht gefallen.

Das Motto: Gammeln kann man überall

Hast du Angst, dass dir beim Gammeln langweilig werden könnte?

Auf keinen Fall, wenn ich mir überlege, ich habe jetzt einen Tag nichts vor, kann ich auch einmal kurz das Nichtstun genießen – der Tag vergeht ohnehin von allein. Zeit für sportliche Aktivitäten muss ich mir ja auch jeden Tag nehmen.

Was machst du sonst mit deiner Freizeit?

Viel reisen – Wochenendausflüge in europäische Hauptstädte, eine Zeitlang in Lateinamerika, 3-4 Wochen Costa Rica, wenn’s passt, Nicaragua, Mexico – was das Leben halt so bietet. Im März 2016 hab ich mir überlegt, ein paar Monate Australien zu genießen. Ich werde in Melbourne starten, dann hätt ich mich einer Tracking-Gruppe angeschlossen. Vielleicht mach ich das auch 2017, im weiteren Verlauf meiner Gammler-Zeit, um dort erfolgreich das letzte Geld am Schädel zu hauen.

Gammeln in Japan

Ich werde die nächsten 2-3 Jahre nutzen, um vieles auszuprobieren, und mich nach Tätigkeiten umzusehen, die Spaß machen und die somit keine „Arbeit“ im klassischen Sinn darstellen. Im worst case kann ich bei Bedarf auch als Notfallsanitäter im Ausland weitermachen.

Du hast angekündigt, bei deinen Spartan Races das „Hackln-is-Oasch“-T-Shirt zu tragen?

Ja, natürlich. Es ist mir persönlich sehr wichtig und von großem Interesse, die Sache publik zu machen, weil die Menschen zu viel und noch dazu aus den falschen Gründen arbeiten. Sie sind verbittert und grantig durch die Arbeit, enden im Burnout – die Arbeitsleistung muss drastisch reduziert werden, dann passiert das einfach nicht. Man kann zum Beispiel mehr Zeit beim AMS verbringen – eine absolut stressfreie Zone.

Wie sind deine Eindrücke vom AMS?

Mit dem AMS selbst hatte ich kürzlich zum ersten Mal zu tun. Die Einstellung meines AMS-Betreuers ist auf jeden Fall richtig: Ich war der einzige AMS-Patient zu der Uhrzeit, trotzdem hat er sich die Zeit genommen, 15 Minuten mit Kollegen laut zu scherzen und zu tratschen, bevor er mir Einlass gewährt hat. Der Betreuer war durch dieses mentale Warm-Up dann auch sehr nett und hat mir genau erklärt, wie ich ohne Arbeit zur Marie komme.

Gammeln im Niemandsland

Was ist dein Ziel im Leben?

Mit so wenig Aufwand wie möglich so viel wie möglich zu erreichen. Erreichen möchte ich, möglichst viel Sport zu machen und auf Reisen zu gehen. Das ist mein persönlicher Weg des Gammelns. Einmal als erster bei einem Spartan Race mit der „Hackln-is-oasch“-Fahne, das wäre schon etwas! Mit Vollzeit-Arbeit ist sportliche Höchstleistung ja auch nicht möglich. Seit ich mehr Zeit für Sport habe, stellen sich mehr und mehr Trainingserfolge ein. Da habe ich in 2 Monaten mehr Fortschritte bemerkt als im ganzen letzten Jahr, das ich unter dem Joch der Knechtschaft zu verbringen hatte. Beispiel: Schichtdienst, 16 Stunden, dann Zug nach Tirol, Bergsteigen, Zug nach Niederösterreich zurück und direkt wieder in den Schichtdienst – dafür nehmen sich andere eine Woche Urlaub! Aber da kann man natürlich auch am Berg die Leistung nicht bringen. Gut, dass das der Vergangenheit angehört.

Gammeln bei den Spartan Races
Gammeln bei den Spartan Races

Hast du zur Zeit eine Konfession und wenn nicht, könntest du dir vorstellen, der Religion des Schwarzen Winkels beizutreten?

Ich bin aktuell konfessionslos und bin rechtzeitig ausgetreten, bevor die Kirche den ersten Schilling von mir gefordert hat – und ja, das ich kann mir das durchaus vorstellen.

Hast du Abschlussworte, die du an die Gammler richten möchtest, die zu dir als Alphagammler aufsehen?

Seit ich nichts tun muss, fällt mir erst auf, was ich alles machen möchte, woran ich früher nie gedacht habe. Selbst bei „unbegrenzter Zeit“ gibt es so viele Möglichkeiten, die sich in einem Menschenleben nicht ausgehen – wie soll das alles funktionieren, wenn man 8-10 Stunden am Tag geknechtet wird und dann auch noch pendelt. Mut zum Gammeln bringt auch Mut in allen anderen Lebensbereichen. Hackln is oasch.

Hört, hört.

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