Interview mit einem Gammler V: Sabrina Grillitsch

Name: Sabrina Grillitsch
Alter: 33
Beruf: Bundesheerlerin
Tätigkeiten: Extremsportlerin
Alphagammlerin: Ja

„Diese Mariensäule wird dereinst zu einer Kultstätte des wahren Glaubens werden, mein Prophet!“ – „So ist es würdig und recht!“

 

Über ein Jahrzehnt ist es her, dass ich zuletzt in Wiener Neustadt gewesen bin. Die Jahre haben die Altstadt nahezu unverändert gelassen. Zu mir waren sie weitaus weniger gütig. Ich befinde mich in Begleitung meiner getreuen Fotografin und des Propheten höchstselbst. Ein lauer Frühlingswind umschmeichelt uns sanft wie wir, etwas zu früh, den Hauptplatz betreten und die herrliche Mariensäule inmitten des malerischen Stadtkerns auf uns wirken lassen. Der Grund unseres Besuches: Kaffee und Plaudern mit einer ganz besonderen Frau. Ich hatte sie bei meinem Auftritt in der Karlich-Show flüchtig kennen gelernt und war auf Anhieb begeistert gewesen von ihrer unkompliziert pragmatischen Einstellung zu den eigenen, nicht eben geringen, Leistungen und der Arbeit im Allgemeinen.

Rechtzeitig zum Weltfrauentag ist es uns gelungen, Sabrina Grillitsch, die erste Frau in Österreich, die die Ausbildung zum Jagdkommandosoldaten geschafft, hat zu interviewen. Sie ist quer durch die Antarktis marschiert und betätigt sich als Bergsteigerin. „Klingt nicht nach einer Gammlerin!“ höre ich sie, verehrte Leser, sagen. „Sehr richtig!“ entgegne ich Ihnen im Brustton der Überzeugung: „Das klingt nach einer Alphagammlerin!“

Die Art und Weise, wie du in den Medien dargestellt wirst, gefällt dir das?

Das kann ich auf eine gewisse Art und Weise nicht beeinflussen. Das Problem ist, wenn sie zusammenschneiden oder gewisse Sachen aus dem Zusammenhang reißen, das lässt sich nicht beeinflussen, das taugt natürlich keinem.

Wenn du irgend etwas ändern könntest, würdest du das tun?

Nein. Solange es auf der positiven Seite ist, passt’s eh, ansonsten ist mir das egal.

Mir ist aufgefallen, dass du immer gefragt wirst „Wie ist das – als Frau – und das – als Frau? Und ich hab sofort den Eindruck bekommen, dass dir dieses „- als Frau -“ egal ist. Stimmt das?

So ist es.

Der Prophet gibt sich zunächst skeptisch: „Berufssoldat und Gammlertum, ist das denn vereinbar?“

Bei jemanden, der so willensstark ist wie du sollte man fragen, ob du schon einmal etwas fallengelassen oder aufgegeben hast?

Ja, zB die Matura. Die Schule hat mich nicht gefreut. Lernen ist nicht so meins, das ist mir einfach zu wenig Bewegung und dieses Sitzen – eine gewisse Zeit pack ich das, aber dann …

Ist es schwierig, deine Willenskraft auf so etwas zu beziehen?

Genau. Es ist etwas ganz anderes, wenn du sagst, ich kann mich da jetzt ein bisschen fordern und es ist ganz anders zu begründen wenn ich durchbeißen muss als wenn ich in der Schule sitzen muss und das durchsitze. Das macht mir keine Freude. Das ist eine Form der Selbstübung, die mir nicht so liegt.

Wobei das so eine Sache ist mit dem Scheitern in der Gesellschaft. Scheitern ist immer ein Wahnsinn. Dabei lernt man soviel. Scheitern gehört zum Leben dazu und man muss lernen, dass es nicht unbedingt immer negativ ist. Bei uns ist es immer so „der hat jetzt aufgegeben“ – aber man gibt ja nicht auf, man bleibt ja nicht stehen. Man macht dann immer etwas anderes. Bei mir wars so, ich hab die Matura abgebrochen und bin dann zum Lernen auf den Südpol gegangen.

Zugegeben, durch die Antarktis zu marschieren schaffen weniger Leute als die Matura. Wenn mir jemand sagen würde, dass ich Außergewöhnliches leiste, wäre ich zwei Köpfe größer, aber dich scheint das relativ unbeeindruckt zu lassen.

Du weißt zwar was du kannst, aber du musst deswegen nicht die Nase zwei Meter höher tragen. Es ist immer von Vorteil, wenn man sich selber nicht so wichtig nimmt – die Welt dreht sich auch ohne einen weiter, wenn man ehrlich ist. Mit dem Medienboom ist es so: Die Leute fallen meistens in ein Loch danach. Zuerst hört die Aufmerksamkeit auf, und danach fallen sie in ein Loch. Weil dann sind sie niemand mehr. Dann interessiert sich keiner mehr für sie. Das gilt auch für Personen, die in der Beziehung nichts zu sagen haben und deswegen nicht in die Pension wollen. Die wissen genau, dann sind sie nur der Müllrausträger für die Frau – nichts mehr.

Bei einer Extremsportlerin ist immer interessant zu wissen: Was treibt dich an? Kannst du das gammlergerecht in einem Wort zusammenfassen?

Klar. Es ist Interesse.

Neugier?

Ja. Was schaffe ich körperlich, was geht sich aus?

Deine Lieblingschilloutaktivität?

Chillen und Serien schauen mit meinem Freund zum Beispiel. Das ist wichtig. Für mich ist auch wichtig, dass ich in meiner Arbeitszeit meine sportlichen Aktivitäten reinbekomme. Nach der Arbeit will ich einfach Zeit mit meiner Familie oder meinen Freunden verbringen. Deswegen würde ich keinen Beruf wählen, wo ich nach dem Hackeln noch zwei Stunden Sport machen muss. Bei mir ist es so, dass das vom Arbeitgeber gefördert und verlangt wird, das finde ich ganz in Ordnung.

Wie tödlich bist du?

(lacht) Gar nicht.

Das ist für einen Elitesoldaten aber schlecht, oder?

Es kommt immer darauf an (überlegt) – sagen wir, ich weiß wie es geht. Der Vorteil bei einer Frau ist, man wird immer unterschätzt.

Die Kunst des Krieges?

Genau!

Wenn mir jemand sagt, für ihn gibts nur die Arbeit, dann wird er irgendwann aufwachen und sich denken „Scheiße, was habe ich mit meinem Leben gemacht?“

Ist es richtig, dass du die erste Frau bist, die die Grundausbildung als Kommandosoldatin geschafft hast in Österreich?

Ja, und nach wie vor die einzige.

Woran liegt das?

Das Problem hier ist eher Mobbing, nicht so sehr, die körperlichen Voraussetzungen zu erfüllen. Eine Frau alleine will keiner haben. Ich kenne sicher zumindest drei Frauen, die die Ausbildung zum Kommandosoldaten schaffen würden, sich das aber aus sozialen Gründen nicht antun wollen. Das traditionelle Gesellschaftsbild besagt ja, dass, wenn eine Frau das schafft, kann es nicht schwer sein.

Wie schaut dieses Mobbing genau aus? Abfällige Äußerungen oder geschmacklose Witze?

Die ganze Bandbreite. Für eine Frau ist es viel schlimmer, weil sie immer alleine dasteht. Weil keiner etwas mit ihr zu tun haben will. Als die einzige Frau ist man immer auf sich alleine gestellt.

Du hast unsere Fotografin massiv inspiriert. Es ist schon so, dass weibliche Stärke anderen Frauen imponiert, ob du willst oder nicht. Hast du das Gefühl, dass du eine Vorbildfunktion für andere Frauen hast bzw. willst du das?

Wollen tu ich das nicht unbedingt, weil jeder soll seinen eigenen Weg gehen. Wenn ich dadurch jemandem helfen kann, tu ich’s gern. Wenn ich durch meine Vorbildfunktion jemanden davor bewahren kann, dass er auf die Schnauze fällt, ist das auch gut.

Wie bist du eigentlich so geworden, wie du bist? Haben deine Eltern dazu beigetragen?

(Grinst) Meine Mutter hat geweint als sie gehört hat, dass ihre Tochter zum Bundesheer geht. Sie hat gedacht, dass sie etwas falsch gemacht hat. Dann hat sie noch ein zweites Mal geweint – meine Schwester ist nämlich auch zum Bundesheer gegangen. Ich hab meiner Schwester nämlich gesagt, das ist nicht so schlecht, weil man muss nicht soviel hackeln.

Inwieweit kann Frau sein den Elitesoldaten des 21. Jahrhunderts bereichern?

Einerseits wollen Fundamentalisten gar nicht gegen ein Frauenbatallion antreten. Bei denen geht das überhaupt nicht. Anderseits kommunizieren Frauen auch anders als Männer, was mitunter von Vorteil ist.

Ist Soldat sein für dich Beruf oder Berufung?

Ein Mittel zum Zweck.

Ich hätte mir nicht gedacht, dass du dich so frei dazu äußern würdest.

Einem Offizier darf man das natürlich nicht ins Gesicht sagen.

Bezieht sich das auf deine Reisen die du sonst gar nicht organisieren oder dir leisten könntest?

Leisten schon, aber du kannst es nicht organisieren. Welcher Arbeitgeber lässt schon zu, dass du zwei Monate oder länger abwesend bist?

Und wie würde das deinen Vorgesetzten gefallen, wenn du das als Mittel zum Zweck bezeichnest?

Die wissen eh was es ist. Jeder der ehrlich ist, weiß es. Es hat ja keiner einen Nachteil davon, dass man ein Soldat ist, der unter verschiedenen Bedingungen arbeiten kann oder sich in mehreren Klimazonen auskennt. Es ist eine Win-Win Situation und nix anderes. Das es Mittel zum Zweck ist, ist klar. Warum hat das Bundesheer Sportler? Die bringen uns gar nichts, außer dass man sie fördert.

Der eine führt reiche Touristen den Berg hinauf und du trägst eine Uniform dazu?

Genau.

„Es gibt Männer, die sterben fast bei dem Gedanken, dass Frauen sie ein- oder überholen“

Erspart dir dieses Vorgezeigtwerden – diese Interviews, diese Talkshowauftritte – eigentlich Arbeit oder hast du dadurch eine Mehrbelastung? Erleichtert dir das deine Arbeit im Vergleich zum normalen Kommandosoldaten?

Ich hab seit einem Jahr Innendiensthackn. Aber ich wäre lieber Zugskommandant, wenn ich ganz ehrlich bin.

Chillig, oder?

Langweilig. Ist nicht so meins. Ich muss das so machen wegen dem Posten. Wenn ich mich später für ein Kind entscheiden werde, kann ich nicht im Außendienst bleiben. Mit Mitte 30 muss ich mir langsam überlegen, ob ich das will oder nicht.

Du hast einen tadellosen service record. Beispielhaft: Auslandseinsätze im Golan und im Kosovo. Ist dein Dienstgrad (Oberstabswachtmeister) nicht etwas niedrig dafür?

Dieses Dienstgrade Raufklettern ist so ein männliches Ding. Das ist eher das Hauptproblem, das die Männer haben. Die beißen sich dann mit den Frauen, weil sie Angst haben, dass die Frau sie ein- oder überholt. Da gibts Männer, die sterben fast bei dem Gedanken. Dienstgrad ist nichts anderes als eine Alterserscheinung. Ab einem gewissen Alter kugelst du eh von alleine rauf. Mir war wichtig, dass ich schnell pragmatisiert bin, dass ich mehr Privatleben und einen abgesicherten Posten habe. Dann brauch ich mir weniger sagen lassen. Danach kann man auch privat mehr machen. Von einem Leutnant kann ich mir nichts abbeißen.

Du scheinst andere nicht in Schubladen zu stecken. Ist das, weil du selber nicht in Schubladen gesteckt werden willst?

Ich will bei solchen Sachen selbst nicht geführt werden und will mich auch nicht führen lassen. Ich bin auch schon recht oft eines besseren belehrt worden bei gewissen Leuten, deswegen achte ich darauf. Es liegt in der Natur des Menschen, dass er eher das Negative als das Positive sieht. Ich versuche bewusst, das auszugleichen. Das ist eine Lebenseinstellung, ein bisschen ein Karmaglaube. Trotzdem hab ich’s mit dem Verzeihen nicht so und merke mir alles ewig.

Der Prophet ist schlussendlich angetan von soviel inhaltlicher Übereinstimmung. „Die Wege des Gammelns sind unergründlich!“

Ehrenmitgliedschaft?

Hab ich nichts dagegen!

Bist du ein Alphagammler?

Ist das wie „Alphakevin?“

Nein. Alphagammler ist mit einer gewissen Vorbildfunktion verbunden. Wenn du Alphagammler bist, sehen andere Gammler zu dir auf und wollen auch so gammeln wie du.

Ich glaube, dass das Wort „Gammler“ negativ behaftet ist. Bei mir ist es eher so, dass man sagt, die Arbeit ist nicht alles und wenn ich auskomme damit, bin ich zufrieden. Leute, die sagen, sie brauchen immer mehr, mehr, mehr sind oft nicht zufrieden. Insofern lasse mich gern als Alphagammler bezeichnen, das wird mir nicht wehtun (grinst).

Im Leben muss man sich die Frage stellen „Mit was bist du zufrieden?“ Wenn mir jemand sagt, für ihn gibts nur die Arbeit, dann wird er irgendwann aufwachen und sich denken „Scheiße, was habe ich mit meinem Leben gemacht?“ Ich arbeite genausoviel, dass ich mir meine Hobbys leisten kann.

Gesprochen wie ein wahrer Alphagammler! So viel inhaltliche Übereinstimmung mit unseren Lehren ist selbst bei denen, die wir ehren nicht immer vorauszusetzen. Spielend scheint sie die Dichotomie aus Gammeln und Leistung aufzulösen. Wir vom Verein F.A.u.L. freuen uns jedenfalls, Österreichs kampferprobteste Gammlerin in unseren Reihen begrüßen zu dürfen.

1 Kommentar zu Interview mit einem Gammler V: Sabrina Grillitsch

  1. Die Frau hat eine super Einstellung. Ich hab immer nur gelernt, gleichzeitig voll gearbeitet, damals noch 48 Wochenstunden, und mein ganzes Leben dadurch verbockt, bin jetzt krank und behindert.
    Zuviel Hackln is echt oasch!!!!!!

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