Wort zum Sonntag: Der feste Glauben an das Gammeln kann Berge versetzen

Ein typischer Tag auf der philosophischen Fakultät mit den Augen unseres geistigen Oberhauptes besehen. (Krzysztof Brązowy)

Gläubige!

Viele sind der Meinung, als Prophet führt man ein einfaches Leben ohne große Anstrengung. Gewiss, als Träger des Mantels des Müßiggangs kann mir die Arbeit nichts anhaben. Oft werde ich auf der Straße erkannt und bekomme die fanatische Verehrung, die mir als erstem Gammler des Herrn auch zusteht. Gläubige aller Länder ersuchen um Erlaubnis, mit mir herumlungern zu dürfen. Das alles ist gottgefällig und soll es auch sein.

Dennoch kommt es immer wieder zu ungeheuren Erlebnissen. Als weltoffener Alphagammler ließ ich mich unlängst dazu herab, dem Gespräch meines Ministers für Denunziation und Demagogie mit einem dieser sogenannten Geisteswissenschaftler, Professor Dr. Konrad Paul Liessmann, beizuwohnen.

Und was musste ich dort erfahren? Der Schwarze Winkel, der Vorläufer aller großen Weltreligionen, soll eine am Reißbrett entworfene Glaubensgemeinschaft sein! Das wird an den Universitäten heutzuage gelehrt? Ich war erschüttert. Die alte Weisheit hat sich wieder einmal bewahrheitet: Geisteswissenschaftler sind gottlose Wesen, die ihre geistigen Kapazitäten wohl besser nutzten, würden sie an der Erschaffung von Nanobots mitwirken. Die einzige Frage, die sich hierbei stellt: Wie geht man als wahrer Gläubiger mit derlei offen zur Schau gestellter Häresie um?

Es ist der Glaube an die Faulheit Gottes, der mir in Momenten wie diesen Kraft gibt. Wenn andere von ihren atheistischen Wahnvorstellungen überzeugt sind, so muss ich noch überzeugter sein von Gott, dem Herrn und seine Faulheit preisen als ob es kein Morgen mehr gäbe. Nur dann kann es gelingen, die Ungläubigen zu überzeugen.

Und siehe da: Trotz all der Ungeheuerlichkeiten, die sich mir an der Universität Wien, dieser Brutstätte des Atheismus, darboten, war nicht alles verloren. Liessmann konnte zumindest dem weltlichen Arm des Schwarzen Winkels einiges abgewinnen. Er setzt sich für das bedingungslose Grundeinkommen ein. Er verweist in seinen eigenen Worten darauf, dass hackln oasch ist und kann sich eine Gesellschaft ohne Arbeit immerhin vorstellen. Außerdem zeigt er eine gottgefällige Hingabe zur Prokrastination – bis jetzt kam noch keine Erlaubnis zur Veröffentlichung seines Interviews. Das ist würdig und recht!

Geisteswissenschaftliche Scharlatanerie hin oder her, treue Gläubige, es ist wahr: Gott, der Herr, sieht es lieber, dass ein Mensch die Arbeit umgeht und im Herzen hundertfachen Unglaubens ist, als dass hundert Gläubige sich freiwillig in seinem Namen einmal der Arbeit hingeben.

Ich habe daher im Namen des Herrn verfügt, dass das umstrittene Liessmann-Interview hier abgedruckt wird, mit Ausnahme der ketzerischen Passagen über die Religion. Das ist würdig und recht – denn wie ihr wisst, ist auch die Zensur traditionell gottgefällig. Auf das Interview dürft ihr also gespannt sein, treue Gläubige.

Madras Bez

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